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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 141

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Der Gaon von Wilna
Date
1900-01-01
Page
Seite 141 (sequence 10)
Language
German
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— 142 — selber angewiesen. Schon als Knabe führte er oft mit bedeutenden Gelehrten Disputationen über talmudische und hagadische Themata. „Sechs und ein halbes Jahr alt, hielt er in der Synagoge einen gelehrten pilpulistischen Bortrag, den ihm sein Vater beigebracht hatte." „Mit neun Jahren war er in der Bibel, in Mischna, Talmud, Decisoren, Responsen, ältern und jüngern Commentaren vollauf bewandert." „Mit zehn Jahren hatte er den ganzen Sohar, den Pardes und die Schriften des I. Luria durchstudirt." „Als er elf Jahre alt war, reichte kein Lob mehr an chn heran." . . . „Der Zwölfjährige beherrschte bereits alle sieben Weisheiten, in ihrer ganzen Vollendung und Tiefe." „Mit dreizehn Jahren erreichte seine Frömmigkeit und Askese den höchsten Grad. Keiner war ihm gleich im Entdecken neuer Gedanken in Halacha und Hagada*)." In diesem Stil spricht sein Biograph von ihm. Das ist die überschwängliche Sprache der Legende, der Extase und der orientalischen Üebertreibung. Aber wahr ist es, daß er schon als Kind sich von seinen Altersgenossen in allem und jedem unterschied. Er war ein geniales, frühreifes Kind, welches gelehrte Vorträge hielt, mit Fachmännern Disputationen führte, sich in die „offenbare" wie auch in „geheime" Wissenschaft vertiefte, seinen zarten Geist an dem Studium des Talmud und der Decisoren schärfte und an den Quellen der Kabbala und der „Geheimnisse der Thora" seinen Durst nach dem Höheren, Ueberweltlichen stillte. Solche Kinder würde man vergebens unter anderen Völkern suchen, denn sie sind die richtigen Golus-Blüthen. Auf einem zertretenen, verdorrten und verwüsteten Boden gedeihen weder frische, anmutige Blumen, noch himmelhochragende Eichen. Aber widerstandsfähige, feste Pflanzen, die durch ihre außerordentliche Beschaffenheit und merkwürdige Consistenz unser Staunen erregen, wachsen auch hier sehr häufig. *) „Alioth Eliahu", S. 20—22. Wilna 1885.

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