Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 gekümmert. Jede „Diplomatie", auch in chrer reinsten und edelsten Gestalt, war ihm völlig fremd. Er war immer das, was er schien, Herz und Rede war stets im Einklang bei chm, sein Verhältnis zu Hoch und Gering ist sich stets gleich geblieben. In Spinozas Wesen gab es ein gut Theil von Nachahmungssucht. Er dagegen war durch und durch originell im strengsten Sinne des Wortes. Man findet keine Spuren fremden Einflusses bei ihm; er ist aus sich selber heraus gewachsen und groß geworden. Geboren ward er an einem Dienstag, dem ersten Pessachtage 1720, zu Selz, einem kleinen Städtchen im Wilnaer Gouvernement, als ältester Sohn seines Vaters Salomo aus Wilna. Nach der übereinstimmenden Aussage von Augenzeugen, war er „ein schönes und liebliches Kind." Der jüdische Genius kleidete sich häufig auch in der Zerstreuung, auch unter dem Druck und der Armuth des Ghetto in eine anmuthige und schöne Gestalt. Leute, die ihn in späteren Jahren gekannt, wußten von seinem „strahlenden Antlitz" zu erzählen, „welches wie das eines Engels leuchtete". Er hat sein ganzes Leben in tiesster Armuth verbracht und oft mit seiner Familie den drückendsten Mangel gelitten. In der Jugend hatte er freiwillig die Mühseligkeiten eines büßerischen Wanderlebens auf sich geladen*). Aber alles das hat bis zu seinem letzten Atemzuge nicht vermocht, seine äußere Schönheit zu zerstören. Hier bewährte sich die Kraft des Geistes, der nach Schillers schönem Wort, sich den Körper baut. „Die Weisheit des Mannes macht sein Anlitz leuchten." — Nur bis zum vollendeten 7. Lebensjahr genoß er den Unterricht eines Lehrers, von da ab war er auf sich *) Es kam noch im 18. Jahrhundert häufig vor, daß junge Leute, dem asketischen Drange folgend, einige Jahre hindurch unter Faftungen und Kasteiungen, ein unruhevolles Wanderleben führten, und so gleichsam auf sich als Einzelne das schwere Leid nahmen, dem Gesammt- Jsrael unterworfen war. Vom Gaon erzählt Fünn (a. a. O. S. 133) daß er in seiner Jugend, nach Art seiner Zeitgenossen, die meisten Städte Polens und Deutschlands durchwanderte.