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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 139

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Der Gaon von Wilna
Date
1900-01-01
Page
Seite 139 (sequence 8)
Language
German
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140 Unvergleichlich war feine Keuschheit, feine Bescheidenheit, seine Herzensgüte und sein Edelmuth. Spinoza selber kommt uns hochmüthig und hartherzig vor, im Vergleiche mit ihm. Ihm wäre seiner ganzen Natur nach das Vergnügen unbegreiflich geblieben, welches Spinoza daran fand, wehrlose Fliegen einer Spinne als Beute vorzuwerfen. Spinozas Keuschheit und Bescheidenheit waren eine Frucht seines Denkens, seiner Philosophie. Bei ihm dagegen stammten sie aus dem Gemüth, aus dem tiefsten Innern seiner Natur. Die Seelenruhe, welche man an Spinoza so bewundert, war im Grunde künstlich; verschiedene und einander entgegengesetzte Einflüsse, die von Seiten seiner jüdischen und jene von Seiten seiner christlichen Lehrer, hatten seinen Geist durchwühlt und tiefe Risse in ihm zurückgelassen. Die Seelenruhe des Gaon dagegen war innerlich und wahrhaftig. Kein Zwiespalt, keine Halbheit war in ihm; alles war auf einen harmonischen Ton gestimmt. Bei aller seiner geistigen Unabhängigkeit; bei all seiner Wahrheitsliebe und Herzenslauterkeit, findet man doch an Spinoza einengewissen Zug von Unaufrichtigkeit, besonders in seinem Briefwechsel mit einem hochgeborenen christlichen Freunde hat er sich zuweilen einer, fast möchte man sagen, schlauen, oder höflicher ausgedrückt, diplomatischen Sprache bedient. Anders der Gaon, der keinen Namen in der christlichen Welt hatte, und darum auch nicht zu den Ruhmestiteln gehört, mit denen unsere fortgeschrittenen Juden vor der Außenwelt prunken. Nie im Leben hat er auch nur ein Jota, auch nur ein Tüpfelchen von seinen Meinungen und Ueberzeugungen geopfert. Im Reden und im Handeln kannte er keine Nebengedanken, und nie hat er sich um die wechselnden Strömungen in der Welt fach die richtigen Lesarten fest, entdeckte fehlende und eingeschaltete Stellen, wie auch Verschiebungen im Texte von einem Theile zum Andern, von Blatt zu Blatt, manchmal auch über mehrere Blätter hinweg. Er wog und zählte die Buchstaben. Auch hier wandte er die Methode a priori ad posteriorem an, um für die Ausführungen der späteren Kabbalisten die Quellen in denen ihrer älteren Vorgänger nachzuweisen, wie man aus seinen Commentaren zum Sifra dezeniuta und zum Sefer Zezirah ersehen kann." (Fünu, a. a. O. S. 151 Anmerkung 8.)

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