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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 138

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Der Gaon von Wilna
Date
1900-01-01
Page
Seite 138 (sequence 7)
Language
German
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189 von dieser mächtigen Flamme aufsprühten, nur wenige Tropfen von diesem Urquell sind uns zu Theil geworden. Er, dessen Geist zu den klarsten und schärfsten unseres Jahrhunderts gezählt werden muß, besaß zugleich ein gütiges^ ein goldnes Herz. Er war der Scharffinnigste unter den Scharfsinnigen und der Barmherzigste unter den Barmherzigen. Kein Widerstreit, sondern vollkommene Harmonie zwischen Kopf und Herz herrschte in ihm. Sein mächtiges Hirn hemmte nicht die Regungen seines gefühlvollen Herzens, und sein Herz, dieses Herz eines unschuldigen Kindes, störte nicht die Arbeit seines genial veranlagten, kritischen Kopfes. In allen Dingen, welche die äußere Lebensführung anbetreffen, unterschied er sich nicht von dem Geringsten seineu Glaubensgenossen, er trennte sich nie von dem großen Publikum, wollte nicht anders scheinen als die Anderen, wollte nicht auf einsamer Höhe thronen. Seine ganze Lehr- und Denkweise war ein lebendiger und energischer Protest gegen die Entartung des Pichul, der mit haltlosen Meinungen und einer öden Spitzfindigkeit operirte. Schlichter Sinn, gesunde Logik, vernunftmäßige Schlußfolgerung, Klarheit der Gedanken und Lauterkeit der Gesinnung bildeten den innersten Kern seines Wesens. Alles Unklare und Verworrene, alle unvermittelten Sprünge, die Windungen und Irrwege eines kranken Verstandes und einer entarteten Phantasie waren ihm in der Seele zuwider. Er verkörperte in sich die Auflehnung des jüdischen Volksgeistes gegen jede Geheimnißkrämerei und gegen die Spiegelfechtereien des Pichul, die, seinem Wesen fremd, nur von außen, her in dasselbe eingedrungen waren. Nicht umsonst sahen die Chassidim in ihm ihren heftigsten Gegner und chren gefährlichsten Feind. In ihren Sagen wird er als kalt und trocken geschildert, jedem Schwung und jeder Begeisterung unzugänglich. In Wirklichkeit aber hatte er sich in die Lehren des Sohar und der Kabbala vertieft, doch diese haben nicht vermocht, seine klare Vernunft und seine streng logische Denkweise zu trüben.*) *) „Seine Methode in der Kabbala ist uns unbekannt, doch bezeugten die Vornehmsten unter seinen Jüngern, daß auch hier die Kritik sein Leitstern gewesen ist. Im Sohar und in den Tikkunim stellte er viel-

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