Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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138 er durch seine Schüler *) die Randglossen niederschreiben. Wir Nachlebenden, ebenso wie seine Zeitgenossen, bewundern ihn mehr für die Geistesschätze, die in ihm schlummerten, als für das, was er uns schriftlich hinterlassen hat. Wir fühlen^ daß das, was er uns gegeben, nur ein Theil von dem war, was er besaß. Nur verhältnißmäßig wenige Funken, die *) An vielen Stellen haben diese Schüler ihre eigenen Spitzfindigkeiten in die Aeußerungen ihres Meisters hineingebracht und dadurch eine gräßliche Verwirrung ungerichtet, oder auch seinen scharfsinnigen und geistvollen Anregungen "die Spitze abgebrochen. Manchmal haben sie seinen Sinn einfach mißverstanden und seine Meinung entstellt. Doch der kritische Blick vermag stets das Geniale vom Mittelmäßigen zu unterscheiden, und so ist es nicht allzuschwer, den Kern seiner Anschauung von den bewußten oder unbewußten Zuthaten seiner Nachfolger herauszuschälen. „Die Jünger, die sich seines persönlichen Umgangs erfreuten" bemerkt S. I. Fünn in seinem Werke „Kirja Neemanah" (S. 154) „haben es nicht immer verstanden, seine Worte zu erklären und seine Winke zu deuten, daher haben sich viele Jrrthümer in die Abschriften eingeschlichen. Die von seinen Jüngern herausgegebenen Werke lassen Vieles zu wünschen übrig. Auch viele seiner Erklärer hohen den Sinn des Meisters nicht verstanden. Er war seiner Zeit weit vorangeeilt, und seine Generation war außer Stande seine Lichtstrahlen klar wiederzuspiegeln ". Es kam vor, daß seine Jünger im Ansichten unterschoben, die den seinigen direkt widersprachen, und so machten sie ihn der Nachwelt gegenüber für Anschauungen verantwortlich, die er niemals gehegt hat, und die niemals aus seiner Feder oder aus seinem Munde geflossen sind. Das muß geradezu als unverzeihliches Vergehen gekennzeichnet werden. Hier ein kleines Beispiel. Z. H. Katzenellenbogen schreibt an S. I. Fünn: „Der verewigte R. M. Elieser versicherte mir, daß die Bemerkung des Gaon, die wir zu Hilchot Kischuf (Schulchan-Aruch Joreh Dea Cpt. 17: § 13) lesen, Maimonides wäre der verdammungswürdigen Philosophie nachgegangen, . . . ebenso eine weitere Bemerkung zu Hilchot Kevod Rabbo (Cpt. 246 § 18) in Bezug auf Jsserls, weder dieser noch Maimonides hätten jemals den Pardes gesehen, . . . keineswegs vom Gaon herrühren, vielmehr seinen Überzeugungen direct widersprachen. Jemand, den mein Gewährsmann genau kannte, hat diese Aeußerung in den Text des Gaon hineinbugsirt. Eine der unangenehmsten Erscheinungen der rabbinischen Litteratur ist es, daß kleine Geister oft bemüht sind, „sich an hochragende Bäume zu hängen", indem sie ihre mittelmäßigen Lehren anerkannten Autoritäten unterschieben, und sie Dinge sagen lassen, die diesen niemals in den Sinn gekommen sind."