Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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187 heutigen Tag üblich sind, in die Oeffentlichkeit gebracht. Was er schrieb, schrieb er nur für sich allein in der Form von Marginalbemerkungen, die er an den Rändern der Bücher aufzeichnete, aus denen er studirte. Eine jede dieser Glossen enthalt eine Fülle von tiefen und originellen Gedanken, oft findet man darin feine, leicht hingeworfene Andeutungen, Resultate gewissenhafter, eindringender Untersuchungen. Unter der Hand stellt er richtige Lesarten her, verbessert alteingewurzelte Abschreibe- oder Druckfehler, vermittelst genauer Quellenvergleichung und klarer Beweisführung. Er hat zuerst einer wahren wissenschaftlichen Kritik in unserer alten Litteratur die Wege gebahnt*). Aus sich selber hinaus ist er zum Kritiker und Forscher hinangereift. Man könnte ihn als einen Künstler ohne Werkzeuge bezeichnen. Ihm fehlte die Kenntniß der Sprachen und Hilfswissenschaften, die zu einer wissenschaftlichen Kritik nöthig sind. Aber sein genialer Geist, sein klarer Verstand und sein außerordentlicher Fleiß ersetzten ihm den Mangel des äußerlichen Apparats. Er begnügte sich mit kurzen und knappen Andeutungen und überließ es seinen Nachfolgern, seine Gedanken breiter auszuspinnen. Wortreichthum, weitläufig ausgesponnene Redeweise war seine Art nicht. Er zeichnete nur die letzten Resultate, die Quintessenz, die äußerste Pointe langer und komplicirter Gedankenreihen auf. Die hervorragenden Geister des rabbinischen ^rchristthums haben niemals auf die äußere Form, aus den Stil, Gewicht gelegt. Ihnen war stets der Kern, die Idee, der Inhalt — Hauptsache. Auch ihm, dem Gaon, galten äußere Glätte, die formale Anmuth als nebensächliche Dinge, die keine sonderliche Beachtung verdienten. „Früchte — nicht Blüthen!" darauf war sein Streben gerichtet. Sein Hirn glich einem unversiegbaren Quell, und sein ganzes Leben hat kaum hingereicht, um einen geringen Theil von dem auszuzeichnen, was er an Neuem und Originellem auf allen Gebieten der jüdischen Wissenschaft hervorgebracht hat. Erst nachdem er das vierzigste Lebensjahr überschritten hatte, ließ *) Vergleiche den Aufsatz von Z. H. Weiß im Mirnisrach Umimaarab I. Seite 9—10.