Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 4)
- Language
- German
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136 gewoben, seine Gestalt über die Grenzen von Zeit und Raum hinweggehoben und ihm Unsterblichkeit verliehen. Moderne Leuchtapparate arbeiten unter großem Lärm, man vernimmt weichin das Rauschen der Maschinerie und das Knarren des Räderwerks. Er war in dieser Beziehung recht altfränkisch. Sanft und ruhig ergoß sich sein großes Licht über alle Mitstrebenden, die die verschiedenen, weiten Gebiete der Thora bearbeiteten. Nie ist er aus dem engen Kreise seines Studienzimmers, aus den „vier Ellen der Habacha", die seine Welt bedeuteten, herausgetreten, aber von diesem verborgenen Schlupfwinkel aus erhellte er die Köpfe seiner Zeitgenossen, und erwärmte ihre Herzen durch das Feuer seiner hehren Frömmigkeit. Bescheiden, ja demüthig, sanft und gelassen, wie er war, hat er gleichwohl eine gründliche Umwälzung in der Lehrweise seiner und der folgenden Generation hervorgerufen. Er hat nicht nur Ordnung und Methode in das Studium gebracht*), sondern auch die Anschauungen seiner Jünger in Bezug auf die weltlichen Wissenschaften umgestaltet, ja das ganze geistige und moralische Leben empfing unter seinem Einfluß ein höheres und verfeinertes Gepräge. Er war kein Autor im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Nicht nur hat er bei Lebzeiten kein Buch veröffentlicht, sondern er hat seine Gedanken und Meinungen auch nicht in der Form von Briefen oder Responsen, wie sie bis zum *) Zn dem Vorwort zu seinem posthum herausgegebenen Commentar über den Schulchan-Aruch Orach-chajim bezeugen seine Söhne: „Mit besonderem Eifer war er bemüht, den Grundsatz zu verbreiten, stets im Studium eine stricte Ordnung einzuhalten. Er forderte zunächst die gründliche Kenntniß der Bibel mit den Vokalen und Accenten nach den Regeln der Grammatik, in welcher Wissenschaft er selbst vielen Fachmännern weit überlegen war. Darauf sollte man die sechs Ordnungen der Mischnah, methodologisch, nach den Regeln der besten Commentatoren und mit Berücksichtigung der besten Lesarten durchnehmen. .... Was das Studium des Talmud anbetrifft, so verlangte er eine streng logische Methode, die fern von allen müssigen Spiegelfechtereien, lediglich auf die Ergründung des wahren Sinnes gerichtet wäre. Die Wahrheit sollte man von jedem, auch von einem Kinde annehmen; sie war ihm lieber, als alle scharfsinnigen Erörterungen, und nur von ihr allein war ihm der Erfolg des Lernens abhängig. Spitzfindigkeiten verbot er den Schülern aufzutischen."