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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 134

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Der Gaon von Wilna
Date
1900-01-01
Page
Seite 134 (sequence 3)
Language
German
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135 — Zurückgezogenheit, und wäre diese Bekanntschaft auch noch so genau, vermag uns keineswegs den Kern seiner Genialität und seiner geistigen Größe zu erklären, noch uns seine moralische Entwickelung zu versinnlichen. Das Genie ist ja im allgemeinen kein Produkt der äußern Begebenheiten, der Umgebung und der Lebensbedingungen; es tritt souverän, unabhängig vor ihnen, häufig auch ihnen zum Trotz, mit seinem vollen Glanz in die Erscheinung. Fremd sind ihm die Genüsse der irdischen Güter dieser Welt geblieben; er hatte keinerlei Prätensionen, keinerlei Forderungen an seine Glaubensgenossen, an seine Gemeinde oder an seine Verwandten und Freunde. Nicht nur wäre es ihm niemals in den Sinn gekommen, daß seine hervorragende geistige Ueberlegenheit ihm ein Anrecht darauf verliehe, als Preis für diese Lohn oder Ehre, eine führende Stellung, Aemter und Würden zu fordern, sondern im Gegentheil, er mied alle diese Dinge ängstlich. Vollständig anspruchslos ging er durch das Leben. Seine geistigen Schätze verstreute er mit fteigebiger Hand unter seine Jünger, unter seine Zeitgenossen und unter das ganze Volk aus einige Geschlechter hinaus, ohne daß er sich bewußt geworden wäre, wieviel man von chm empfange. Er war in Wirklichkeit eine „Leuchte der Diaspora", ohne daß er ahnte, welch ein Licht von ihm ausstrahlte, gleich wie der Edelstein nicht ahnt, wie prächtig er funkelt. Die irdischen Freuden dieser Welt sind chm ftemd geblieben, nichts hat er von den Genüssen des „Diesseits" gekostet, nichts, nichts, — aber auch die Wonnen des Jenseits waren ihm gleichgiltig. Sein gewöhnlicher Spruch lautete: „Eliah kann Gott dienen, ohne auf eine Vergeltung im Jenseits zu hoffen." Sein Andenken lebt fort im Herzen des Volkes und kein Name ist so populär wie der seinige — aber nie hat er danach gestrebt, ja er ahnte wohl nicht einmal, daß es so kommen würde. Weder die Bewunderung seiner Freunde und Verehrer, noch die Gunst besonderer Umstände, überhaupt keine von außen her wirkende Triebkraft war es, die ihn zu jener Höhe emporgetragen, auf der wir ihn erblicken; nur allein sein genialer Geist, seine lautere Frömmigkeit, seine tiefe Innerlichkeit haben eine Strahlenkrone um sein Haupt

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