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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 127

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 127 (sequence 54)
Language
German
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128 volle unverkürzte und ungekränkte Menschenehre zu. Auch wird er im Erlaßjahr ohne Weiteres frei. Ihn also trifft nicht die ausdrückliche Bestimmung, die hier gemacht wird: sie gilt dem kanaanitischen Sklaven. Ohnehin kennt das mosaische Recht nur unter dem Vorbehalt der Versorgung die hebräische Sklavin. Also nur um den kanaanitischen Sklaven handelt es sich hier. Das ist nun aber die beispiellose Humanität, welche die Vergeltung der Versöhnung zur Consequenz gebracht hat: daß das Ausschlagen des Auges oder auch nur des Zahnes den kanaanitischen Sklavenfteimachte. ״Als frei soll er ihn entlassen um seinen Zahn." Wahrlich anstatt Auge um Auge, sollte Zahn um Zahn zum Sprichwort geworden sein. Die Verkennung des Gesetzes und seiner Humanitären Tendenz würde sich durch diese Gleichnißrede deutlicher bloßstellen. Der Zahn des kanaanitischen Sklaven ist nicht weniger Werth, als sein ganzer Arbeitswerth. Wenn sein Herr ihm auch nur seinen Zahn ausschlägt, so muß er ihm die Freiheit geben. So bewährt sich der Gott der Gerechtigkeit in diesem Wiedervergeltungsrechte als derjenige ״der den Fremdling und den Sklaven liebt." Und so ist dieses Wiedervergeltungsrecht im strengen Sinne der socialen Politik die Gerechtigkeit der Liebe und der Versöhnung. Es ist außer Zweifel, daß die Verkennung dieses Sinnes bestärkt worden ist durch den Angriff der Bergpredigt, der dem Angriff auf die Feindesliebe voraufgeht: ״Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage Euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel, sondern so dir Jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar, und so Jemand mit dir rechten will, und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel." (Matth. 5, 38—40.) Hier kann das Bild des stoischen Weisen nicht ausreichen, um die Tendenz des Angriffs erklärlicher zu machen, wie etwa bei der Feindesliebe. Denn demjenigen, der die eine Backe schlägt, auch die andere zum Schlage hinzureichen, dieser Zug fehlt in dem Begriff der stoischen Apathie; und daher auch im Idealbild des stoischen Weisen. Dürfte die Forderung buchstäblich genommen werden, so würde sie unter

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