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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 121

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 121 (sequence 48)
Language
German
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122 Menschen. Die Gemeinschaft stellt sich bekanntlich dar unten der Spaltung der Menschen in Freie und in Sklaven oder absolute Arbeiter. Die Ehre ist das Feldgeschrei für den weltgeschichtlichen Kampf dieser menschlichen Gemeinschaft. In der griechischen Sprache ist die Rache mit der Ehre verwandt. Der Rächer ist der Wächter der Ehre (r^oipö^). Rache ist Ehrenwacht. So hat die Rache ursprünglich sittlichen Charakter. Bevor es Gerichte gab, ist es ein Zeugniß der Gerechtigkeit, daß Rache geübt, daß die Ehre, die Seele des sittlichen Menschen, behauptet wird. Bei Homer geht der Mörder straflos einher, wenn nicht der Verwandte oder der Freund den Ermordeten rächt. Und der Fortschritt im Rechtsgefühl, der in der Pflicht des Kindes liegt, auch den schwersten Collisionen gegenüber, auch an der Mutter den Vater zu rächen, bildet das tiefste Problem der griechischen Tragödie. Auch im hebräischen Alterthum heißt der Blutsverwandte der Blut-Erlöser. (גואל הדם) Der Mord ist das kapitale Verbrechen auch in dem Sinne, daß es das fundamentale ist. Und so hat die Sühne des Mordes sogar in der Dichtung, im Drama die wichttgsten Reformen herbeigeführt in den sittlichen Begriffen vom Menschen und in den religiösen Ideen von den Göttern. Um so leichter wird es verständlich, daß die Sühne des Mordes das grundsätzliche Problem des Strafrechts werden mußte. Der Mord Kains gewinnt aus diesem Gesichtspunkt eine neue Bedeutung. Nicht nur in der Arbeit beginnt mit ihm die Kultur, sondern auch in der Grundlage des Rechts. ״Wer das Blut des Menschen vergießt, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bilde Gottes hat er den Menschen geschaffen." (1. M. 9, 6.) Man kann die Einsetzung dieser Rechtsstrafe als Schonung für den Mörder bettachten; wie das Kains-Zeichen ein Schutz sein sollte gegen die Vogelfreiheit, über die er sich beklagt. (1. M. 4, 15.) Das ist der Anfang des irdischen Gerichts. Jetzt hört die Vergeltung aus, Rache zu sein. Sie wird Strafgerechtigkeit. Der Mensch erlangt das Recht, das Blut des Mörders zu vergießen. ״Durch den Menschen," sagt die Schrift. Dem Menschen wird die Befugniß zugesprochen.

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