Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 46)
- Language
- German
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120 ist das anders gewesen. Und die guten Wirkungen davon auf die Befreiung der Ethik und der Rechtswissenschaft von confessionellen Vorurtheilen sind nicht ausgeblieben. Wer das richtige Judenthum aus seinen litterarischen Quellen erforscht, wird sich nicht die geistreiche Hypothese erlauben, die Rabbinen könnten ja das Neue Testament abgeschrieben haben. Schon bei Gfrörer hätten sie lernen können, sich darüber zu informiren. Der hatte es nicht verschmäht, von einem gründlichen und gedankenreichen Kenner, von Samson Raphael Hirsch, der damals Student war, in dieses ihm unnatürlicher Weise fremde Gebiet sich einweihen zu lassen. ״Wisse, woher du gekommen bist, und wohin du gehst, und vor wem du einstmals Gericht und Rechenschaft ablegen mußt." Diese Gelehrsamkeit studirt nach den sechs Abschnitten der ״Sprüche der Väter," in denen sie sich findet, der betende Jude an jedem sechsten Sabbatnachmittage des Sommerhalbjahrs. Die Rechenschaftsablage vor Gott ist der Leitstern des jüdischen Lebenswandels. ״Wisse, was über dir ist: ein sehendes Auge und ein hörendes Ohr, und alle deine Handlungen werden im Buche verzeichnet." ״Und es mache dich nicht sicher dein Trieb, daß die Unterwelt ein Haus der Zuflucht dir wäre; denn wider deinen Willen wurdest du geboren, und wider deinen Willen lebst du, und wider deinen Willen stirbst du, und wider deinen Willen wirst du einst Gericht und Rechenschaft geben vor dem König, der Könige König, dem Heiligen, gelobt sei er." (Spr. d. Väter K. 4.) Geburt, Leben und Tod mahnen an die Rechenschaft. Und was ist denn das Sündenbekenntniß anders? Und der ganze große Versöhnungstag? Und jegliches Gebet an jedem Tage? Wir hätten keine Religion, und hätten keinen Gott, wenn die Versöhnung mit ihm nicht auf der Rechenschaft beruhte. Außer der sittlichen Bedeutung, die die Versöhnung und Vergeltung in der Rechtfertigung haben, werden sie auch zu den Grundbegriffen des Rechtes. Es ist entscheidend, daß Versöhnung und Vergeltung in ihrer Vereinigung allein das Princip des Rechtes werden können. Hat doch der Gott der Gerechtigkeit, als der Freund der Armen, das Recht geschaffen, und Gerichte eingesetzt. Der Gott der Gerechtigketi ist zugleich der Gott der Liebe. Daher muß die Vergeltung