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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 118

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 118 (sequence 45)
Language
German
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119 die Verantwortlichkeit, und somit die sittliche Selbständigkeit des Menschen als Opfer der allgemeinen menschlichen Schwachheit preisgegeben werden? Die Versöhnung fordert die Vergeltung. Es bleibe hier außer Betracht, wie die Vergelturig, als Lohn und Strafe, auf den verschiedenen Stufen der religiösen Entwicklung gedacht wird. Kurze Andeutungen mögen genügen. Der Sinn des Gedankens der Auferstehung wird in den Gedanken der Vergeltung gelegt. Diese Anschauung findet sich besonders bei den Religionsphilosophen. Und ferner verhütet die Verirrung der ewigen Höllenstrafen der im Talmud befindliche Ausspruch: die Strafe dauert zwölf Monate, der Lohn aber ewig. So wird der ausschweifenden Phantasie die pathologische Lust an der Ausmalung der Höllenqualen heilsam gelähmt. Es ist ohnehin bezeichnend, daß noch vor dem Ausgang des Mittelalters selbst die frommen Maler des Trecento und Quattrocento an der Darstellung der einst mächtigen Verbrecher in ihrem Höllensitze ihren Humor an den Tag bringen. Endlich aber ist für das Princip von Lohn und Strafe zu bedenken, daß es nicht minder anerkannt bleibt in dem von Spinoza angenommenen Satze: ״Der Lohn der Tugend ist die Tugend." In der Mischna lautet der Satz: ״Der Lohn der Pflichterfüllung ist die Pflichterfüllung." . Der sittliche Sinn der Vergeltung ist die Rechtfertigung. Sie ist die Aufgabe der Buße. .,Kommt doch, lasset uns rechten, spricht der Herr, wenn eure Sünden wie Purpur sind, sollten sie dann weiß werden, wie Schnee?" (Jes. 1, 18.) In dieser Frageform übersetzt Wellhausen. Um so ungeheuerlicher ist es, daß er die ״persönliche Rechenschastsablage vor Gott" als einen Gedanken bezeichnet, ״der dem richtigen Judenthum ziemlich fern liegt״*). Die Unbedachtheit dieses Urtheils zeichnet sich in der Wahl der einschränkenden Ausdrücke ״richtig" und ״ziemlich". Eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein! möchte man dagegen sagen. Die heutigen Kenner des ״richtigen" Judenthums halten sich berechtigt, das nachbiblische Judenthum nicht zu kennen. Im 17. Jahrhundert *) Israelitische und Jüdische Geschichte S. 314.

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