Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 44)
- Language
- German
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— 118 — die Liebe. Und das ist demüthig wandeln mit deinem Gotte". (Micha 6, 8.) Diese Sittenlehre des Micha wird aber auch als eine Sentenz ertheilt in einem Prozesse. ״Höret, Berge, den Streit des Herrn . . denn Streit ist dem Herrn mit seinem Volke." (V. 2.) Recht und Liebe, sie allein sind das Gute, das Gott fordert. Dieser große Gedanke in seiner klaren Einfachheit ist der ganze Inhalt prophetischer Gottesverehrung. Und diese Offenbarung wird als Rechtsspruch in der Streitsache Gottes bezeichnet. In demselben Sinne ist der Gott der Rache, wie man ihn fälschlich und irreführend im Singular benennt, der Gott der Gerechtigkeit; der wahren Weltgeschichtlichen Liebe zum Menschengeschlechte, welche die Völker in die Eine Menschheit verwandelt; und welche in der Erkenntniß Gottes, deren die Erde voll sein wird, wie die Wasser das Meer bedecken, die socialen Gegensätze in dem irdischen Besitz der Menschen zur endlichen Ausgleichung bringt. Nur der Gott der Gerechtigkeit ist der Gott der Liebe für die Menschheit. Ohne Gerechtigkeit giebt es keine Liebe, für das geschichtliche Menschengeschlecht. Das messianische Gottesreich ist der Friede auf Erden. Aber zu diesem Frieden führt allein das strafende Weltgericht der Weltgeschichte. 6. Die Vergeltung. Das Verhältniß, welches die Gerechtigkeit zwischen Gott und Mensch herbeiführt, ist die Versöhnung; während dasjenige Verhältniß, welches die Liebe zwischen Gott und Mensch herstellt, die Gnade ist. An Stelle der Genugthuung und Beschwichtigung, welche das Opfer dem erzürnten Gotte bereitet, haben die Propheten die Versöhnung gesetzt. Die Versöhnung ist nicht Sühne. Die Sühne besorgt der Priester. Und die sündigende Person tritt dabei zurück. Zur Versöhnung aber werden die beiden Parteien gefordert, die es angeht. Den Beitrag des Menschen zur Versöhnung leistet die Buße. Die mit der Liebe vereinigte Gerechtigkeit Gottes vollzieht die Versöhnung. Wenn nun aber die Buße ausbleibt? Oder wenn sie nicht in der rechten Weise erfolgt? Sollte dann etwa die Freiheit des Menschen zum eitlen Wahn werden? Sollte