Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 43)
- Language
- German
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117 setzung einer Gerichtsverfassung tritt der Unterschied von Strafe und Rache ein. Rache ist Privatstrase. Und bevor es eine öffentliche Strafe gab, war daher die Rache die Handlung der Gerechtigkeit. Für die Propheten ist Gott der Bürge der Gerechtigkeit. Durch ihn und in ihm ist das Recht gesichert. Sie brauchen daher nicht Anstand zu nehmen, im poetischen Vollgefühl der Volkssprache, seine Strafe Rache zu nennen. Und je ernster und eifriger sie für das Recht kämpfen gegen dessen Vergewaltiger, desto erschütternder malt ihr Mahnruf die Strafe als die Rache des erzürnten Gottes aus. Der ״Tag der Rache" und die ״Zeit der Rache" das sind die Zeiten der Läuterung, die dem Zeitalter des messianischen Gottesreiches voraufgehen müssen. Bezeichnend ist, daß der angebliche Gott der Rache eigentlich nur einmal vorkommt, und zwar in den Kriegs- Rachelieder enthaltenden, vornehmlich aber doch gottseligen Psalmen. Indessen hat der Psalm, in welchem Gott so ungefähr als Gott der Rache angerufen wird, vor anderen den herben Charakter prophetischer Ethik. Vor Allem ist zu beachten, daß der Ausdruck falsch citirt wird. Die Rache steht nicht im Singular hier bei Gott, sondern im Plural. Man sieht, die Rache wird nicht abstrakt gedacht, sondern als eine Mehrheit von Strafhandlungen. Man müßte übersetzen dürfen: Gott der Rachen. Nun sehe man aber den Psalm an, der selbst bei De Wette überschrieben ist: ״Bitte um Rache für Israel." ״Gott der Strafgerechtigkeit erscheine. Erhebe dich, Richter der Erde, bringe Vergeltung über die Stolzen. Wie lange sollen die Bösen, o Herr, wie lange die Bösen frohlocken . . Wittwe und Fremdling erschlagen sie, und die Waisen ermorden sie. Und sprechen, nicht stehet es Iah, nicht merket es der Gott Jakobs . . Der das Ohr gepflanzet, sollte der nicht hören, der das Auge gebildet, er nicht sehen? Der die Völker züchtigt, sollte er nicht strafen; der den Menschen lehret die Erkenntniß? Der Herr erkennet die Gedanken der Menschen." (Pf. 94, 1—10.) Das ist der Gott der Rache: der den Menschen die Erkenntniß lehret. Und das ist die geschichliche Erkenntniß, die dieser Gott der Rache offenbart: ״Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Herr fordert von dir, nur üben das Recht und lieben