Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 42)
- Language
- German
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116 feit geleitete eigene Arbeit des Menschen an seiner Selbsterziehung und Besserung, diese Gerechtigkeitstugend ist der Inbegriff der Tugend. Und dieser Inbegriff der Tugend ist der Jnbegriff der Frömmigkeit. Denn Gott ist nicht der Gott beschaulicher Versöhnung, sondern der Gott der Armen. Damit aber wird er zum Kriegsgott der messianischen Weltgeschichte. Auf diesen Gegensatz der Weltanschauungen geht im letzten Grunde die Verschiedenheit der religiösen Ansichten zurück. Es gab bekanntlich immer, und es giebt Fromme, denen Gott vorzugsweise der Bürge des Jenseits ist, in dem alle leidigen socialen Unterschiede Gottwohlgefällig ausgeglichen werden. Solchen Frommen ist ihr Gott der unschädliche Verleiher einer überirdischen Glückseligkeit. Und das Jenseits hat eigentlich nur diese negative Bedeutung: die Mängel des Diesseits nachträglich auszufüllen. Die Propheten iuteresstren sich nicht für diese Art von Jenseits. Sie entdecken dafür das Jenseits der Weltgeschichte, welches nach ihrer Lehre zum Diesseits der irdischen Welt zu werden bestimmt ist. Ihr Jenseits soll zum sittlichen Leitbegriff des Diesseits werden. Durch das ganze rabbinische Schriftthum zieht sich der Unterschied der ״künftigen Zeit" (עתיד לבוא) und der ״künftigen Welt." (עולם ד.בא) Die künftige Zeit, das ist das messianische Gottesreich auf Erden, in dem die Kriege nicht mehr die Idee der Menschheit verletzen; in dem die Schwerter zu Winzermessern uwgeschmiedet werden. In diesem Gottesfrieden werden sich Gerechtigkeit und Liebe küssen. Aber um diesen Frieden muß der messianische Gottesglaube und die messianische Frömmigkeit mit den Abarten der Frömmigkeit unaufhörlich im Kampfe bleiben: die Gott nicht als den ״Freund der Armen" anbeten, und nicht die Sünde gegen den Armen als die Todsünde erkennen; und die Erlösung und die Versöhnung nicht vorzugsweise als die Befreiung von diesem Hauptübel der Menschengeschichte erhoffen, über welches die Propheten zum Himmel schrieen. In dem Eifer ihrer Entrüstung gebrauchen die Propheten für die Vollstreckung der Gerechtigkeit den Ausdruck der Rache. Rache ist ihnen gleichbedeutend mit Strafe. Rache ist das ursprüngliche Wort für Strafe. Nur nach Ein-