Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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115 In das Gebet zum Ausgang des Sabbat ist eine Talmud-Stelle (Megilla 31) ausgenommen worden. ״R. Jochanan sagte: überall, wo du die Größe Gottes findest, dort findest du auch seine Demuth. In der Thora heißt es: ״Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtbare Gott, der nicht die Person ansieht und nicht Bestechung nimmt." Und es heißt weiter: ״er schafft das Recht der Waise und der Wittwe, und er liebt den Fremdling, ihm zu geben Speise und Gewand." Zum anderen in den Propheten, wo es heißt: ״denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig Thronende und Heilige ist sein Name. Hoch und Heilig throne ich, und bei dem Gedrückten und dem Demüthigen, um zu beleben den Geist der Bescheidenen und zu beleben das Herz der Bedrückten." Zum dritten in den Schriften, wo es heißt: ״singet Gott, lobsinget seinem Namen, macht Bahn dem, der durch die Wüste einherfährt, Ewiger ist sein Name. Frohlockt vor ihm." Und es heißt weiter: ״Vater der Waisen und Richter der Wittwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung." Das ist die Liebe, welche der Gott der Propheten verwaltet: die Gerechtigkeit für die Armen. Der Fremdling, der Sklave, die Wittwe und die Waise sind seine Trabanten; oder in der Sprache der Kunstwissenschaft ausgedrückt: seine Attribute. So erklärt sich der Zusammenhang der Begriffe des Fremdlings und des Nächsten aus demjenigen Begriffe der Liebe, welcher die Gerechtigkeit in sich ausgenommen. Man kann diese Verwandlung und Verschwisterung von Liebe und Gerechtigkeit an dem Wandel der Bedeutung des Wortes selbst erkennen. Zedaka bedeutet ursprünglich die Gerechtigkeit; aber es wird gleichbedeutend mit der Frömmigkeit überhaupt. Und die Vermittlung bildet die Zwischenbedeutung der Wohlthätigkeit. Die Gerechtigkeit für die Armen, das ist der Prüfstein der Frömmigkeit. Das gilt nicht nur für die private Moral: es ist das Wahrzeichen weltgeschichtlicher Politik. Maimonides macht drei Tugenden namhaft als die nachzuahmenden Wege Gottes: Liebe und Recht und Zedaka. Und Zedaka bestimmt er als die Tugend der Selbstvervollkommnung. Also die auf Gerechtigkeit beruhende, von der Gerechtig- 8*