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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 111

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 111 (sequence 38)
Language
German
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112 schlechter bezieht, ״wenn auch sie mich hassen." Der Nachsatz macht ohnehin diesen Sinn zwingend, insofern er die Liebe auf das tausendste Geschlecht ausdehnt, unter der unweigerlichen Voraussetzung, daß sie nicht Menschengeschlechter von Bösewichtern sind. Ausdrücklicher aber wird hier die Liebe nicht erwähnt. Die andere Offenbarung dagegen mit den zweiten Tafeln verkündet nur die Liebe. Alle die dreizehn Eigenschaften sind, wie wir wissen, nur Entfaltungen des Begriffs der Liebe. Daher konnte dort die Einschränkung auf die Hasser fehlen. Der Verfolg der prophetischen Geschichte aber hat diese Grundfrage nicht im Dunkel gelassen. Und wie nur jemals der Fortschritt einer sittlichen Erkenntniß im schroffen Ausdruck sich dargestellt hat, so ist es hier geschehen. Und der Talmud selbst hat nicht verfehlt, die Bestimmtheit dieses Fortschritts durch den Ausdruck oppositioneller Kritik zu kennzeichnen. ״Vier Bestimmungen hat unser Lehrer Mose über Israel verhängt. Da kamen vier Propheten, und hoben sie auf. Er ahndet die Schuld der Väter an den Kindern, da kam Jecheskel und hob es auf: ״Die Seele, welche sündigt, sie soll sterben." (Ezech. 18, 20.) Jede Spur des mythologischen Gedankens von der Verkettung der Geschlechter in Schuld und Verhängniß ist mit einem Schlage durch diesen Satz vernichtet. Jeremia hatte die Vorbereitung zu dieser fundamentalen Correktur gettoffen. Cs giebt keine Geschlechter für die Sünde. Der Begriff der Sünde fordert den Begriff des Einzelnen, des Individuums, der Person. Die Seele, die sonst auch den Leib bedeutet, hier bedeutet sie ausschließlich die Person. Und in der Sünde ist die Person entdeckt worden. Aber diesen neuen Begriff der Sünde hat die Gerechtigkeit hervorgebracht; nicht die Liebe. Und doch ist die Gerechtigkeit ein Tugendweg. So soll auch die Erkenntniß der Sünde zur besseren Tugend führen. Derselbe Ezechiel hat in demselben 18. Kapitel, in dem er die Sünde der Person entdeckt, zugleich den Weg erstellt, zu dem die neue Einsicht führte. Die neue Kraft der Seele bethätigt sich in der Buße und im Gebete. So findet sich die Gerechtigkeit wieder bei der Liebe ein, ohne an ihrer Reinheit und Sttenge einzu-

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