Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 37)
- Language
- German
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111 die Liebe hervorgetreten. Der älteste Prophet, Amos, erweckt das Bewußtsein sür Gerechtigkeit. ״Recht quelle hervor, wie Wasser, und Gerechtigkeit, wie ein nie versiegender Strom." Er nennt Gott zuerst den Gott Zebaoth in diesem Sinne ^äls Gott der Gerechtigkeit.*) Der Gottesdienst der Gerechtigkeit, den er predigt, verwirft den Gottesdienst der Opferfeste mitsammt den Liedern und dem Harfenspiel. Waren doch die ältesten Opfer hier, wie überall, nicht sowohl Anbetungen Gottes,' als vielmehr Selbstversicheruugen von der ungebrochenen Eintracht der Menschen mit ihren Göttern. Diese Naivetät mußte erst überwunden werden. Sie ist die Vorstufe der Religion. Amos hat sie weggefegt, und dadurch als Erster die prophetische Gottesidee begründet. Und von ihm ab schwindet das Attribut nicht mehr aus dem Begriffe Gottes. Wie innig, wie schwungvoll, wie mächtig und ergreifend die späteren Propheten die Liebe Gottes gefeiert haben; ohne die Gerechtigkeit giebt es für sie keine Liebe mehr. Und die Liebe selbst muß der Berechtigkeit sich unterordnen, oder sie muß ihr weichen. Wir können an einem illustren Beispiel die Collision von Liebe und Gerechtigkeit verfolgen. Wir wissen, wie die dreizehn Eigenschaften entstanden waren. In der Offenbarung bei den zweiten Tafeln heißt es nach Absolvirung der dreizehn Eigenschaften — auch dies ist sehr merkwürdig, daß die Eigenschaften vor der Ahndung ihre Endschaft erreichen — ״er ahndet die Schuld der Väter an den Kindern und Kindeskindern am dritten und vierten Geschlechte." In den Zehn Geboten aber hieß es dabei: ״die mich hassen, der aber Liebe erweist bis ins. tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote bewähren. (2. M. 20, 5, 6.) Man kann die Differenz verstehen. Im zweiten der Zehn Gebote war die Ahndung an das Verbot der Abgötterei geknüpft. Liebe war dabei nicht genannt. Daher mußte die Ahndung, die auf das dritte und vierte Geschlecht erstreckt wurde, eingeschränkt werden durch das Wort, welches die gesammte jüdische Tradition, und zwar mit ebenso exegetischem, wie rationellem Recht auf diese Ge- *) Vgl. Carl Heinrich Cornill, der israelitische Prophetismus (1894) S. 47.