Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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109 5. Das Attribut der Gerechtigkeit. Maimonides hat, wie wir oben (S. 76, f) sahen, die göttlichen Attribute auf die der Handlungen eingeschränkt, mithin auf die ethischen. Die Schwierigkeit, die er dabei noch anerkannte und auflöste, bestand lediglich darin, daß diese ethischen Attribute als Affekte verstanden werden könnten. Und die Lösung der Schwierigkeit bestand darin, daß sie nicht Affekte, sondern Tugenden seien. Daß sich im Begriff der Tugenden aber, wenngleich in anderer Hinsicht als bei den Affekten, die Frage wiederholt, das scheint er nicht gesehen zu haben. Wie alle mittelalterlichen Philosophen, interessirt auch er sich vornehmlich und strenger als alle anderen für die Abwehr des Anthropomorphen von seinem geistigen Gotte. Abgesehen aber von aller menschlichen Analogie, liegt in dem ethischen, nicht nur in dem psychologischen Begriffe der Tugend eine unauflösliche Relativität. Man darf die Tugend nicht verwechseln mit der Sittlichkeit. Die Sittlichkeit ist das Gesetz, die Aufgabe, die Verfassung. Die Tugend ist der Weg, das Gesetz zu verwirklichen, die Aufgabe zu lösen. Aber die Aufgabe bleibt stets Aufgabe. Das Gesetz bedeutet die ideale Aufgabe, die ideale Verfassung. Die Verwirklichung kann daher nur in der Annäherung erfolgen. Diese angenäherte Verwirklichung vollzieht sich auf den mehrfachen Wegen, welche die Tugenden führen und darstellen. Es folgt daraus, daß keine der Tugenden im strengen Sinne sich zu einem göttlichen Attribute eignet. Denn jede ist nur ein halber Weg. Und Gottes Wege sollen vollkommen sein. Für das Wesen Gottes können auch sie daher nur als negative Attribute gedacht werden, die nur darin ihren Werth haben, daß sie der menschlichen Sittlichkeit als Vorbilder dienen, als Wegweiser zu ihren Tugendwegen. Das erste Attribut war die Tugend der Liebe. Und wir haben gesehen, welche umfassende, unerschöpfliche Bedeutung diesem Attribute Gottes und diesem Tugendbegriffe für die menschliche Sittlichkeit beiwohnt. Aber zugleich ttaten andeutungsweise die Gefahren hervor, die unvermeidlich mit diesem Grundbegriffe verknüpft scheinen. Es kann die An-