Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 34)
- Language
- German
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108 ״grundlose Haß" bezeichnet wird. In dieser Erkenntniß schon findet das Gebet seine Erfüllung. Indessen verdient die Frage doch schließlich noch eine kurze Erwägung, aus welchen Motiven der Angriff der Bergpredigt zu verstehen sein möchte. Das Gebet Jesu am Kreuze: ״Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun." (Luk. 23, 34) ist die Umschreibung des rabbinischen Grundgedankens vom ״grundlosen Hasse". Wie denn alle seine sonstigen Gebete entweder unmittelbar Psalmenworte sind, oder dem Geiste der schriftlichen oder mündlichen Lehre angehören. Auch sind sie kurz und knapp nach der Vorschrift des Talmud: ״Er im Himmel, und du auf der Erde, darum seien deiner Worte wenige." Aber die Tendenz der Opposition gegen die alte Lehre, entgegen dem Ausspruch, daß Jesus nicht gekommen sei, das Gesetz abzuschaffen, ist kein hinreichender Grund. Auch die Hervorkehrung einer erbaulichen Liturgie für eine Art von ethischem Resormbund, wie sie in den Worten ״segnet, die euch fluchen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen," gefunden werden könnte, erklärt die Schwere dieser Beschuldigung nicht. Am meisten dürfte sie verständlich werden aus dem Verhältniß der Lehre zu der Person des Lehrers. Im alten Bunde giebt es ein solches persönliches Verhältniß nicht. Mose und die Propheten bedeuten als Personen nichts im Verhältniß zu ihren Lehren. Aus ihnen redet stets nur Gott. Das einzige Vorbild ist der einzige, heilige Gott. Anders von Anfang an im Chriftenthum. In Jesus wird im stoischen Stil des Zeitalters das Ideal eines Weisen aufgestellt. Und zu diesem Idealbild gehört die Freiheit von Affekten. In der Stoa tauchte daher der Ausdruck der Feindesliebe auf. Die Nächstenliebe erschien nicht mehr als genügsamer Ausdruck der Sittlichkeit. Auch die Liebe zu Gott ist nach Ritschl's Urtheil ״sparsam" im Neuen Testament. Die Liebe ist ein Affekt, und der Weise soll frei von Affekten sein. In der Feindesliebe heben sich die gegenseitigen Affekte der Liebe und des Hasses auf. So wird Jesus zum Prediger der Feindesliebe.