Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 33)
- Language
- German
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107 ״Der grundlose Haß ist gleichwiegend mit Götzendienst, Blutschande und Mord. Des grundlosen Hasses wegen ist der zweite Tempel zerstört worden." (Joma, 9, b). Man pflegte, heißt es daselbst, unter dem zweiten Tempel die Thora, die ceremoniellen Gesetze und die Liebespflichten; aber der grundlose Haß herrschte. So wird dieser gleichgesetzt den wichtigsten der sieben noachidischen Gebote. Und der noachidische Codex, also die Grundlage der allgemeinen menschlichen Sittlichkeit, wird als das Fundament des National- Heiligthums erklärt. Ohne das Fundament der Sittlichkeit soll keine Religion als Judenthum anerkannt werden. Und mehr als die Nächstenliebe, ist der negative Ausdruck des grundlosen Hasses das entscheidende Symptom der menschlichen Sittlichkeit. Der grundlose Haß bedeutet nicht etwa eine besondere Bestreitung und Einschränkung des Hasses: als ob ein Grund, als ein Recht zum Hasse nur bisweilen fehlen könnte. Der Ausdruck will keineswegs etwa den Haß eintheilen: in begründeten und unbegründeten,- sondern der Haß überhaupt und an sich wird als grundlos bezeichnet. Von andern Sünden und Vergehungen, deren der Mensch fähig wird, sind Gründe und Veranlassungen anzuerkennen, nicht so vom Hasse. Es ist ein psychologisches Problem, ob der Haß überhaupt eine psychologische Thatsache im menschlichen Gemüthe ist; oder ob er nicht vielmehr durch andere Verirrungen verdeckt und verkappt ist. Der primitive Affekt des Hasses, als einer selbständigen, eigenen, von anderen Affekten unabhängigen Richtung des Gemüches, ist in der That eine nicht bewiesene Annahme. Der Haß ist grundlos im menschlichen Gemüthe. Daher macht der Talmud ihn zur eigentlichen Todsünde. Der Haß ist grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung des Gemüthes gesprochen werden kann. Es giebt keinen Grund zum Haß. Jeder scheinbare Grund ist ein Jrrthum und eine Verirrung. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er haßt, so wird sein Dasein vergeblich. Es ist nur satanische Dialektik, die ihm das Recht znm Hasse vorspiegelt, und die sein Gemüth in die Richtung zum Hasse verrenkt Belehrend ist es in unseren Gebeten, daß der Haß, um dessen Abwendung gebetet wird, als der