Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 32)
- Language
- German
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106 ist der Ausdruck für seinen Geist und für sein Gemüth. Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen. Du würdest sonst dein Herz verlieren. Das ist die Quintessenz der Feindesliebe im Alten Testament. Die Bergpredigt macht einen Gegensatz geltend gegen den alten Bund, dessen Berechtigung nachzuweisen, den Erklärern schwer werden muß. ״Ihr habt gehört, daß gesagt ist: ״Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: liebet eure Feinde u. s. w." (Matth. 5, 43 s.). Zunächst ist zu bemerken, daß bei Lucas (6, 27) dieser Gegensatz nicht zum Ausdruck gebracht wird. Da nun im ganzen Alten Testament keine Stelle sich finden ließ, in welcher der Haß des Feindes, empfohlen wurde, so erklärt sich, daß De Wette*) den Gegensatz ganz fallen lassen konnte. Dieser eigentliche Begründer der Bibelkritik in diesem Jahrhundert, übrigens aber auch ein classischer und ein tragischer Zeuge der Feindesliebe, citirt für dieselbe außer der Bergpredigt und Römer 12, 20, wo nur ein Citat aus den Sprüchen Sälomonis enthalten ist, nur 3. M. 19, 18. 2 M. 23, 4 f. Ps. 7, 5. Spr. 25, 21. Andere Erklärer aber sahen sich wenigstens genöthigt, die Worte ״es ist euch gesagt" auf die mündliche Lehre zu beziehen. So weit dieselbe jetzt aber schriftlich im Talmud uns vorliegt, wissen wir, daß auch in dieser Form der Angriff falsch ist. Daß in einem Sprechfaul von Autoren aus mehreren Jahrhunderten vereinzelte Aeußerungen sich auffinden lassen, in denen Schmerz und Entriistung zu scharfen und harten Ausdrücken der Abwehr geführt haben, das ist für jeden Kenner antiker und moderner Litteratur felbstverstündlich. Aber solche vereinzelte Meinungsäußerungen beweisen nichts gegen den schriftstellerischen Charakter des ganzen weitschichtigen Werkes, und am allerwenigsten gegen den Werth der Entscheidungen, in denen das Recht und Gesetz endgültig formulirt wird. Der Talmud hat nun aber vielmehr die Feindesliebe durch einen Begriff vertieft, welcher die psychologische Beseitigung der Feindschaft zu ermöglichen geeignet ist. Es ist das der Begriff des ״grundlosen Hasses." *) Lehrbuch der christlichen Sittenlehre 1833. S. 224.