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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 104

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 104 (sequence 31)
Language
German
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105 vergießer zu betrachten" (Baba Mez. 55. Spr. d. Väter 5). So schließt der Talmud aus dem Nachsatz zum Gebot der Zurechtweisung. Vielleicht ist eine andere Deutung nicht ungegründet. Bei der Zurechtweisung soll man nicht die Schuld des Anderen als eine isolirte betrachten, sondern im Lichte der allgemeinen menschlichen Schwachheit. Du sollst die Schnld nicht auf ihn allein legen, sondern zugleich mit auf dich selbst nehmen und auf das allgemeine Menschenloos. Das ist die wahre Demuth, die in dem Unrecht nicht ausschließlich nach dem Sünder späht, sondern die Gesammtheit für die Fehler des Einzelnen mit verantwortlich macht. Und das ist auch das allein durchschlagende Mittel, den ganzen Begriff des Feindes aus der Welt zu schaffen: daß man erkennen und begreifen lernt, in welches Netz von Verführung durch den Zufall der Geburt und den Nothstand der socialen Lage der schwache Mensch in all seiner Stärke verstrickt ist, so daß kein irdisches Auge sehen kann, wo der blinde Zwang für ihn aufhört, und seine Freiheit anfängt. Und nicht nur allgemein und theoretisch ist das zu erkennen; sondern was das viel Schwierigere ist, in jedem einzelnen Falle muß es bedacht und beherzigt werden, daß wir kein Recht haben, irgend einen Menschen böse zu nennen. Nur das Böse sollen und dürfen wir vom Guten unterscheiden, aber nicht den Guten und den Bösen. Indem wir den Bösen verabschieden aus dem Lexikon unseres Gewissens, so allein befreien wir uns von dem Gespenst des Feindes. Und in solcher Demuth allein können wir die Zurechtweisung üben, welche die Feindesliebe fordert. So ist auch der Ausdruck der Feindesliebe zu verstehen, der die Zurechtweisung einleitet: ״Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen." Du sollst nicht hassen. Denn der Haß ist der Widerspruch zur Liebe, und somit zum Menschen, als dem Nächsten. Der Mensch ist dein Bruder, wie Gott aller Menschen Vater ist. Wie Gott, wie ein Vater, liebt, so ist in jedem Menschen der Bruder zu erkennen und zu lieben. Dem Menschen hat Gott das Herz gegeben. Es unterscheidet den Menschen vom Thiere. Es

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