Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 30)
- Language
- German
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104 deinem Herzen; zurechtweisen sollst du deinen Nächsten, auf daß du nicht seinethalben Schuld tragest (3. M. 19,17). Wie das Gebot der Nächstenliebe sich anschließt an das Verbot der Rache und des Nachtragens, so wird die Pflicht der Ermahnung an das Verbot des Hasses angeknüpft. In der That, alle Wohlthat, die dem Feinde erwiesen wird, würde ihm zum Gift, wenn die Zurechtweisung nicht zugleich die Heilung brächte. In ihr liegt die eigentliche Sch wierigkeit in dem Begriff der Feindesliebe. In ihr liegt die Gefahr der Selbstgerechtigteit und des geistlichen Hochmuths. Oft genug haben sich besonders die theologischen Moralisten an diesem zarten Punkte vergriffen. Hier kann die wahre Demuth ihre Probe bestehen. Im Talmud hat eine Dame das löstnde Wort gesprochen. Als Rabbi M6ir einmal von sittlicher Entrüstung über Böses, das Menschen ausgeübt, sich fortteißen ließ, da belehrte ihn Beruria, seine Frau, ״es stehe nicht geschrieben: es mögen die Sünder vergehen; sondern die Sünden". Diese Exegese ..ruß die Losung sein auf diesem schlüpfrigsten Gebiet der Feindesliebe. Denn psychologisch, wie ethisch, ist Zurechtweisung die schwerste Aufgabe der Sittlichkeit. Nur wer selbst im Vollbesitz der Tugend zu sein sich dünkt, kann unbefangen den Andern strafen. Wer sich dagegen von dem natürlichen und nothwendigen Bewußtsein seiner eigenen Gebrechlichkeit leiten läßt, woher soll der den Muth nehmen, seinem Nächsten den Text zu lesen? Man meint zunächst, die Pflicht der Ermahnung setze unter den socialen Schwierigkeiten und polittschen Gefahren ein nicht unbettächtliches Maß von Tapferkeit voraus. Das mag freilich auch richttg sein. Aber schwieriger noch ist die Forderung der Demuth, welche unumgänglich und unersetzlich bei diesem Geschäft der Menschenbesserung und Bekehrung ist. Die Liebe bei der Zurechtweisung muß jede Spur beabsichttgter Beschämung ausschließen. ״Darfst du ihn etwa so zurechtweisen, daß sein Angesicht sich verändert? Es steht geschrieben: Daß du nicht seinethalben Schuld tragest. Wer seinen Nächsten beschämt, hat keinen Theil am ewigen Leben". ״Wer seinen Nächsten beschämt (wörtlich sein Angesicht weiß macht, das Blut aus den Wangen treibt), ist als ein Blut-