Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 29)
- Language
- German
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103 den Schmerz des Brennens erregen; sie müssen zugleich Wärme bringen und Licht entzünden. Die Feindesliebe bedeutet 4) die Schonung seiner Menschenwürde. Indem ich demjenigen Beistand leiste, der mich haßt, darf ich ihn nicht erniedrigen, und die höhere Stufe meiner eigenen Sittlichkeit ihn fühlen lassen, indem ich ihm sage: du hast die Nächstenliebe verletzt, ich aber halte sie heilig. Das wäre eine schlechte Hilfe, die mit dem materiellen Beistand die seelische Erniedrigung verbindet. Diese Verbindung wäre ebenso falsch und wirkungslos, wie entwürdigend, und zwar zugleich für den, der sie ausübt. Es ist bei weitem nicht genug, den Groll des Schmerzes über das erlittene Unrecht und das Rachegesühl unter dem Vorwand der Vergeltung abzuschütteln. Und auch die Kraft, zu positiver Hilfsleistung sich aufzuraffen, und die Verhütung des Schadens energisch zu betreiben: alles dies erschöpft nicht den Sinn der Feindesliebe, der Begriff des Nächsten fordert die Achtung und die Schonung der Ehre und der Würde des Nächsten auch im Feinde und auch bei dem Beistand, den ich ihm leiste. Dieser Sinn der Feindesliebe wird besonders wichtig bei der ferneren Bedeutung derselben. 5) bedeutet die Feindesliebe die Pflicht der Er- Mahnung und der Zurechtweisung. Es genügt nicht, daß ich keine neidische Lust an dem Unglück des Feindes empfinde; noch auch, daß ich nicht den eiteln Vorwand mir vorspiegele, als ob sein Haß mir ein Recht zur Rache gäbe; und daß in mir das Recht beleidigt sei, so daß nicht ich, sondern das Recht in mir Vergeltung übte. Noch auch, daß ich mich allezeit bereit zeige, seinen Schaden zu verhüten und seinen Nutzen zu fördern, und dabei mich vorsichtig gegen seine Ehre betrage, und sie nicht zu verletzen suche. Ich muß positiv noch für seine Ehre, für die Förderung seiner sittlichen Wohlfahrt sorgen. Nach meiner bescheidenen Kraft soll ich für seine sittliche Besserung Sorge tragen. Der Vers, der dem das Verbot der Rache und das Gebot der Nächstenliebe enthaltenden Verse unmittelbar voraufgeht, lautet: ״Du sollst deinen Bruder nicht hassen in