Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 28)
- Language
- German
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102 das fremde Verhalten zum Vorbild für das eigene Thun. Dabei geht die eigene Würde verloren, geschweige, daß die Würde des Nächsten gewahrt bliebe. Das ist der höhere Gesichtspunkt, der mit dem Verbot der Vergeltungsrache verknüpft erscheint. Deiner eigenen Würde wegen muß daher die Feindesliebe 3) fordern: die Bereitwilligkeit zu positiver Hilfeleistung. Sie wird an einem Beispiel eingeschärst. Das Vieh veranschaulicht den Besitz. ״So du den Ochsen deines Feindes oder seinen Esel irrend triffst, so sollst du ihm denselben zurückführen. So du den Esel deines Hassers stehest liegen unter seiner Last, so sollst du davon abstehen, ihn im Stiche zu lassen, sondern sollst ihm helfen, ihn frei zu machen" (2. B. M. 23,4,5). Beide Beispiele sind bezeichnend und belehrend. Wenn der Ochs oder der Esel sich verirren, so wird die Aufmerksamkeit darauf vorgeschrieben. Es ist eine Schärfung der Achtsamkeit aus die Verhütung des Schadens. Und wenn der Esel unter seiner Last erliegt, so genügt es nicht, ihm aufzuhelfen und die Last ihm abzunehmen; sondern denjenigen Theil derselben, der ihm zu schwer geworden, mußt du deinem eigenen Thiere aufladen, um den Feind vor Schaden zu schützen. Vornehmlich ist das Beispiel deshalb belehrend, weil am Vieh die Rache ein Lebewesen treffen Würde. Und der Hinweis aus das Vieh gemahnt somit an den lebendigen Menschen. ״Wenn deinen Hasser hungert, so speise ihn mit Brod, und wenn ihn durstet, so tränke ihn mit Wasser. Denn glühende Kohlen sammelst du auf sein Haupt, und der Herr wird dir vergelten" (Spr. 25,21). Die glühenden Kohlen, die hier neben das'Wasser gestellt werden, sind die Strafe, die der Feind aus deinem Wasser trinkt. Du sollst das Brod und das Wasser reichen dem Hungrigen. Dieses Beispiel vom Hunger erinnert an das gewaltige Wort des Propheten: ״Fürwahr dem Hungrigen dein Brod brechen." Das sei die Bedeutung des Fastens. ״Und deinem Fleische sollst du dich nicht entziehen" (Jes. 58, 7). Dein Fleisch wird der Nächste hier genannt. ״Fleisch und Blut" ist der durchgängige Ausdruck für den sterblichen Menschen und für die Gemeinschaft der Menschen in der Sprache unserer Gebete. Aber die feurigen Kohlen dürfen nicht ausschließlich