Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 27)
- Language
- German
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101 hast mir die Axt nicht geliehen, ich leihe sie dir nicht. Grollen, Nachtragen, eigentlich den Zorn aufbewahren, bedeutet: Du hast mir die Axt nicht geliehen, ich aber leihe sie dir. Gegen beide Arten des Verfahrens richtet sich das doppelte Verbot, welches schlecht und recht der Nächstenliebe entspricht, und keine Ausnahme von ihr zuläßt. Wenn mein Nächster an mir zum Hasser wird, so darf ich nicht glauben, zur Rache berechtigt zu sein. Der Nächste fordert meine Hülfe, und ich muß bereit sein, sie zu leisten. Einen Vorwand zur Berechtigung oder mindestens zur Entschuldigung des ־ Rachegefühls bildet der Gedanke der Vergeltung, der als Princip des gesammten Rechts gilt. Und so kann das Rachegefühl, wie auch bei neueren Moralisten, weil als ein Rechtsprincip, so auch als ein sittliches Fundament erscheinen. Diese Verwechselung von Sittlichkeit und Recht ist sehr verhängnißvoll. Das Recht ist selbst erst auf die Sittlichkeit angewiesen, aus der sie ihre Grundsätze abzuleiten hat. Nicht darf umgekehrt die Sittlichkeit ihre Grundsätze vom Recht entlehnen. Die Sittlichkeit erkennt die Vergeltung nicht an, und wehrt sie ab. ״Sage nicht, ich will das Böse vergelten. Hoffe auf den Herrn, er wird dir helfen" (Spr. 20,22). Dem Unrecht gegenüber, das in der Welt herrscht, halte die Hoffnung fest auf das Heil, welches im meffianischen Zeitalter geweissagt ist, und auf den Fortschritt der sittlichen Kultur, der durch die messianische Idee verbürgt ist. Die Vergeltung mag für das positive Recht gelten, welches unabhängig von deinem Selbstgefühl entscheidet. Deine eigene Sittlichkeit muß durch die messianische Zuversicht geleitet werden. Und diese Zuversicht beruht ans dem Begriff des Menschen, als des Nächsten. ״Sage nicht: wie er mir gethan, so will ich ihm thun, ich will dem Mann vergelten nach seinem Thun" (Spr. 24,29). Nicht das Verfahren deines Nächsten gegen dich darf die Norm deines Handelns gegen ihn sein. Darauf folgt in den Sprüchen die Fabel von dem Faulen. Das ist in der That die Maxime der Trägheit in der Weltgeschichte. Bei solcher Politik der Vergeltung gäbe es keinen Fortschritt und keine Besserung. Nicht nach seinem Verdienste ist ein Jeder zu behandeln, sondern nach der eigenen Würde, sagt Hamlet. Die Vergeltung macht