Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 25)
- Language
- German
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99 gegründet in dem freien Begriffe Gottes, nach seiner Differenz vom Menschen. In der Correlation der beiden Begriffe und nur in ihr liegt der Ausgleich und die Versöhnung. 4. Die Feindesliebe. Der Feind, den ich lieben soll, ist nothwendigerweise der subjective Feind, der mich haßt. Jedermann ist mein Nächster, den ich lieben soll. Und er kann nicht dadurch aufhören, mein Nächster zu sein, daß er seinerseits das Gebot der Nächstenliebe an mir verletzt. Ich darf Niemand hassen. Niemand zu meinem Feinde machen. Das Gebot der Feindesliebe erhebt sich sonach nicht aus dem idealen Boden der reinen, principiellen Sittenlehre; sondern es gehört dem Boden der psychologischen Erfahrung und der geschichtlichen Wirklichkeit an. In der reinen Sittenlehre kann es nur den positiven, principiellen Ausdruck der Nächstenliebe geben. Erwägen wir, welche Forderung die Feindesliebe, als eine Norm der angewandten Sittenlehre, in sich enthalten kann. Die Liebe zu dem, der mich haßt, kann 1) bedeuten, daß ich keinem Uebelwollen gegen ihn Raum geben darf. Wenn es ihm nach irdischem Ermessen wohlergeht, so darf ich nicht Neid dagegen in mir aufkommen lassen. Und wenn rhn Unglück trifft, so darf das mir nicht Freude machen. Ich darf mein Selbstbewußtsein und auch mein Selbstgefühl nicht reguliren, nicht behaupten und nicht steigern wollen, ohne den Nächsten in mein Selbst einzuschließen; oder mindestens ohne mich selbst auf den Nächsten ständig zu beziehen. Die Freude, als der Ausdruck meines Lebens- und meines Selbstgefühls, darf nicht mich isolirt betreffen, sondern sie muß stets und in jeder Hinsicht der Ausdruck meines sittlichen Selbstbewußtseins sein, also des erweiterten Selbstgefühls, des Bewußtseins der menschlichen Gemeinschaft. Das ist der Weg, auf dem der Sporn der Lust abgestumpft, und die Freude, die ruhige, feste Heiterkeit zu einem ungefährlichen und untrüglichen Merkmal sittlichen Daseins und sittlichen Lebensgefühls gemacht wird. Das Princip der Nächstenliebe gewinnt so die erweiterte Bedeutung: das Princip der Lust, das Princip des Eudämonismus zu rächte zu machen. Es ist keine wahre Lust, keine Freudigkeit, die dem Bewußtsein 7*