Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 24)
- Language
- German
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98 dem Ursprung des Sittengesetzes ausgeglichen wird: indem es nämlich in Gott seine Quelle hat, fließt es zugleich aus dem Geiste des Menschen. Dieser pantheistische Charakterzug des Christenthums ist sicherlich der wissenschaftlichen Begründüng des Sittengesetzes zu Gute gekommen. Aber die persönliche Sittlichkeit des Menschen konnte dabei nur gefördert werden unter der Weiterführung des Gedankens, daß der Einzelne selbst in feiner sittlichen Arbeit sich selbst zum Christus wird. Auch diese mystische Ausführung ist der christlichen Idee in manchen tiefen Ansichten und Erscheinungen zu Theil geworden; aber in diesen allen ringt das Problem, das wir hier berühren. Und über alle diese tiefsinnigen Bewegungen des für das Selbstbewußtsein seiner Würde kämpfenden Menschenherzens ragt das naive Wort von der Vaterliebe des jüdischen Gottes hinaus. Er ist unser Vater, selbst wenn wir ihn nicht suchen, geschweige finden. Nicht von der Kraft unseres Bewußtseins, noch von der Tiefe unserer Liebe hängt sein Verhältniß zu uns ab. ״Der Mittler zwischen Mensch und Gott ist des Menschen Vernunft", sagen in Uebereinstimmung Maimonides und Jbn Esra. Die Vernunft allein genügt. Schleiermacher zeigt sein Mißverhältniß zum alten Testament, das schon Ritschl gerügt hat, in dem Urtheil: daß es dem Judenthum an der Vermittlung des Endlichen mit dem Unendlichen fehle. Er sieht nicht, daß das Verhältniß der beiden Begriffe Gott und Mensch an und für sich allein und ausschließlich und hinreichend diese Vermittlung ausmacht. Die Thatsache der Vernunft genügt; nicht der Grad und der Erfolg chrer Energie in Erkenntniß und Liebe. Die bloße Thatsache der Vernunft bedeutet das Dasein des Menschen. Und mit dem Menschen ist Gott gesetzt. Und mit dem Begriffe Gottes ist seine Liebe zum Menschen, und also die Würde des Menschen gegründet. Ritschl sagt einmal, daß in dem starken Sündenbewußtsein Mißtrauen gegen Gott stecke. So sehr ist in dem Begriffe Gottes selbst und schlechterdings die Erlösung gegründet. Der Gott, der allein und ausschließlich der Erlöser des Menschen ist, konnte den Gedanken erwecken: daß die Seligkeit nicht das Erbtheil des Glaubens an ihn sei. Der freie Begriff des Menschen wurde