Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 22)
- Language
- German
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96 Ehrlichkeit in aller seiner mystischen Verranntheit, den Unterschied von Christenthum und Judenthum in der Sittlichkeit abzulehnen. ״Nun fragt sich, wodurch der jüdische Landrabbiner Jesus gerade zum Gegenstand einer solchen Verehrung geworden? Durch seine Lehre? Aber der Inhalt seiner Lehre, seine erhabene Moral abgerechnet (die übrigens schon in besseren jüdischen Lehrern Analoges, Entsprechendes hatte), diese abgerechnet, war der Inhalt seiner Lehre er selbst; seine göttliche Sendung, und daß er der Sohn Gottes sei".*) Wir müssen nun aber zur Prüfung der Frage übergehen, ob nicht etwa gerade diese göttliche Personification Jesu zu Aenderungen in dem Sinn und Geist der übernommenen Nächstenliebe führen mußte. Für die Einschränkung der Nächstenliebe dürfte weniger Gewicht zu legen sein auf die Galater-Stelle (6,10): ״Lasset uns Gutes thun an Jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen." Denn es ist eine vereinzelte Stelle in einem Briefe. Allerdings hat Grotius u. A. darauf das Recht des Krieges begründet, der nun einmal im Widerspruch zum messianischen Reiche Gottes steht. Auch andere Briefstellen, in denen davor gewarnt wird, ״am fremden Joch mit den Ungläubigen zu ziehen," sind principiell minder wichttg, obschon sie in Geschichte und Literatur von einschneidender Wirkung waren und geblieben sind. Dagegen halte ich mich verpflichtet, bei aller Ehrerbietung und Pietät, die ich dem Neuen Testamente widme, auf die principielle Schwierigkeit hinzuweisen, die in der Grundlage der christlichen Erlösungslehre für den wahrhaften, aufrichtigen Begriff des Nächsten liegt. ״Niemand kommt zum Vater, denn durch mich" (Ev. Joh. 14,6). In diesem Worte liegt der Unterschied in der Bedeutung der Nächstenliebe zwischen Judenthum und Christenthum. Die Wahrheit der Gotteslehre bleibt hier außer Betracht. Die Sittlichkeit allein, wie sie den Begriff des Menschen ausmacht, bildet hier die Frage. Die Seligkeit des Menschen, das ist seine Erlösung. Diese Erlösung ist bei freiester Auf- *) Philosophie der Offenbarung II. S. 232. S. W. Bd. 14.