Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 21)
- Language
- German
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95 Testament geboten, und auch an dieser in der Auseinandersetzung mit einem Schriftgelehrten. Aber auch hier findet volle Uebereinstimmung zwischen Beiden statt (Luk. 10,25 ff). ״Und siehe, da stand ein Schristgelehrter aus". Nach dem schon bekannten Verlaus der Frage und Antwort heißt es dann aber: ״Wer ist denn mein Nächster?" Da antwortete Jesus mit dem Gleichniß vom barmherzigen Samariter. Es ist zunächst beachtenswerth, daß auch hier nicht der Israelit schlechthin dem Samariter entgegengestellt wird, sondern der Priester und der Levite, also Geistliche, die besonders zur Nächstenliebe verpflichtet wären. Jesus fragt nun: ״Welcher dünket dich, der unter diesen dreien der Nächste gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm chat." Also auch hier ist vollständiges innerliches Einvernehmen über die Bedeutung des Nächsten zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten. Der Letztere antwortet, wie er, als Schriftgelehrter, nicht anders kann: Die Liebe, die Barmherzigkeit ist das Blutzeichen des Nächsten. Indessen das Verhältniß des Neuen Testaments zum Alten beim Gebot der Nächstenliebe ist noch durch eine andere Betrachtung zu beleuchten. Die angegebenen Stellen sind nämlich die einzigen im Neuen Testament, an welchen die Nächstenliebe von Jesus gelehrt wird. Und an allen diesen Stellen ist es entweder der Schriftgelehrte selbst, welcher das alttestamentliche Gebot citirt, oder Jesus unter Zustimmung des Schriftgelehrten. Also auch als Gebot des Alten Bundes erscheint die Nächstenliebe überhaupt in den Evangelien. Nur als Citat aus demselben. Und nur in der friedlichen Auseinandersetzung mit Schristgelehrten. Als eine eigene Lehre tritt sie gar nicht auf. Da ist es denn leider nur zu sehr begreiflich, daß der Nächste im Alten Testament heute durchaus etwas Anderes bedeuten müsse. Denn es würde sich andernfalls ja ergeben, daß der sittliche Begriff des Menschen vom Neuen Testament einfach aus dem Alten herübergenommen wäre; und daß der Unterschied zwischen Beiden nicht sowohl im Begriffe des Menschen, als lediglich im Gottesbegriff bestehe. Zur Befriedigung mit dieser Differenz aber gehören gläubigere Zeiten, als trotz aller Politik die unsrigen sind. Schelling hatte noch die