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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 93

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 93 (sequence 20)
Language
German
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94 vornehmste Gebot vor allen? antwortet Jesus zunächst mit Höre Israel. ״Das ist das vornehmste Gebot, und das andere ist ihm gleich: du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Es ist kein ander größer Gebot, denn diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet, denn es ist ein Gott, und ist kein anderer außer ihm. Und denselbigen lieben . . und lieben seinen Nächsten, als sich selbst, das ist mehr denn Brandopser und alle Opser." So sehen wir also vollständige Uebereinstimmung zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten über den Sinn und Umfang der Nächstenliebe, und über ihren Zusammenhang mit der Liebe des Gnen Gottes. Ohne jede Einschränkung erkennt Jesus die Nächstenliebe als das vornehmste Gebot an, wie der Schriftgelehrte es versteht. Und der Schriftgelehrte bezeugt ihm seinerseits, daß Jesus das Gebot nach der Lehre der Propheten verstanden habe, die den Opferdienst bekämpfen, und die Menschenliebe als Gottesdienst einrichten. Nun aber antwortet Jesus: ״Du bist nicht ferne vom Reiche Gottes" (Markus 12,28—34). Hier beginnt der Gegensatz. Nach der Lehre von dem Noachiden, als dem Frommen der Völker der Welt, war dieser Schriftgelehrte nicht nur nicht fern vom Reiche Gottes, sondern er war darin. Denn das Reich Gottes kann nur zwei Bedeutungen haben: entweder die eine, welche die Propheten von den Tagen des Messias geweissagt haben, als der Zukunft der irdischen Weltgeschichte im Frieden der Gotteserkenntniß und der Menschenliebe. Nach der prophetischen Lehre gehörte der Schriftgelehrte diesem Reiche Gottes an. Oder aber das Reich Gottes bedeutet im Unterschied von dieser weltlichen Bedeutung des messianischen Gedankens das Jenseits. Dann würde ein Heide selbst, der nur das zweite Gebot anerkennen würde, auch diesem Reiche Gottes schlechterdings angehören. Das ist die Consequenz, welche der Talmud, die Lehre der Schriftgelehrten, aus der prophetischen Idee gezogen hat. Auf der hier ausgesprochenen Bedingtheit dieser Zugehörigkeit zum Reiche Gottes beruht der Unterschied von Judenthum und Christenthum. Noch an einer andern Stelle wird die Nächstenliebe im Neuen

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