Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 19)
- Language
- German
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93 Ausdruck der religiösen Innigkeit verschenkte man nun an den Heiden. Diese Verbindung allein ist ein Zeugniß höchster religiöser Freiheit und edelster Humanität. Es entstand der Begriff, dessen Plural-Form auch bedeutsam ist: ״die Frommen der Völker der Welt" (חסידי אומות העולם). Nicht Einer wurde als Frommer, wie ein Jdealmensch gedacht; sondern nach ihrer geschichtlichen Wirklichkeit werden diese frommen Heiden als Mehrheitsbegriff definirt. Der Fortschritt kann nicht groß und weit genug ermessen werden. Dem Heiden wird die höchste religiöse Liebe zugesprochen. Er wird als ein Liebender, und darum und in diesem also zulänglichen Sinne als ein Frommer anerkannt. Und es bleibt nicht etwa bei der abstrakten Anerkennung der Toleranz; sondern es wird chnen das sichere religiöse Merkmal sittlicher Vollwerthigkeit aufgedrückt. Das ist der Antheil am ewigen Leben. ״Die Frommen der Völker der Welt haben Antheil am ewigen Leben" (חסידי אומות העולם יש להם הלק לעולם הבא). (Maimonides nach Sanhedr. 105a). Die ״zukünftige Zeit" (עתיד לבוא) hat ihnen die ״zukünftige Welt" (עולם הבא) erobert. Grotius*) wie Seiden**) haben auch diese Gleichung erkannt und festgestellt. Der Sohn der Fremde gleich dem Fremdling - Beisaß, gleich dem Noachiden, gleich dem Frommen der Völker der Welt. Das ist der Begriff des Nächsten nach der Lehre des Judenthums. Und wahrlich, wenn der Talmud die Befestigung des Judenthums nicht ohne den ceremonialen Abschluß desselben bewirken konnte, 10 hat er sich durch die originale Entdeckung und juristische Sicherung dieser Begriffe des Noachiden und des interconfessionellen Frommen die kräftigsten, fruchtbarsten Verdienste in der Geschichte der Religion, des Staatsrechts und der Sittenlehre erworben. Das Neue Testament offenbart in diesem Punkte die Uebereinstimmung Jesu mit den Schriftgelehrten (Mark. 12,28f; vgl. Matth. 22,37 ff). Denn auf die Frage: welches ist das *) De jure belli ac pacis I c. 1. § 16,3. **) Selden hat sein ganzes Werk de jure naturali et gentium juxta disciplinam Ebraeorum (1665) nach den sieben noachidischen Gesetzen in sieben Büchern aufgebaut.