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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 91

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 91 (sequence 18)
Language
German
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92 Zeiten der Heide Opfer für sich im Tempel darbringen lassen. Die messianische Idee des Einen Gottes, der Einen Menschheit hat den Begriff des Menschen nicht nur entdeckt: sie allein hat ihn zu sichern vermocht. Die Sicherheit, Bestimmtheit und Klarheit einer geschichtlichen Idee bewährt sich an den politischen Begriffen, die sie hervorzubringen vermag. So hat die messianische Idee an dem Fremdling-Beisaß eine Entwicklung vollzogen, die zu einem fundamentalen Begriffe des Natur- und Völkerrechts geführt hat. Vielleicht ist die Vermuthung nicht unbegründet, daß Hugo Grotius zur Emancipation des Rechts von der Theologie durch diesen Begriff geführt worden sein könnte. So sehr steht der Begriff im Mittelpunkte und im Vordergründe seines Buches. Und sein Zeitgenosse Johann Seiden hat auf diesen Begriff ein eigenes großes Werk gebaut. Es ist der Begriff des Noachiden (Ben Noah.)*). Söhne Noahs heißen diejenigen, welche die sieben Gebote, bez. Verbote beobachten, welche als Inbegriff des Naturrechts gelten dürfen. Das erste derselben ist die Einrichtung und Anerkennug von Recht und Gericht (Dinin). Grotius, wie Selben, stellen die Gleichung auf: daß der Sohn der Fremde gleich dem Fremdling-Beisaß, gleich dem Noachiden sei. Damit ist die durchaus singuläre völkerrechtliche Thatsache anerkannt, daß der Angehörige eines fremden Volkes und der nicht Zugehörige zum eigenen Glauben ein sittlich ebenbürtiges Mitglied der israelitischen Rechts- und Staatsverfassung werden konnte. Die Unabhängigkeit des Rechtes von der Theologie war daher sogar in einem theokratischen Staate Thatsache geworden. Aber der messianische Gedanke von dem Einen Gotteder Einen Menschheit hat diesem politischen Musterbegriffe auch eine religiöse Bestimmtheit verliehen, die wahrlich mehr als Weche ist. Wir erinnern uns des Wortes Chessed für Liebe. Von derselben Wurzel stammt das Wort auch für den nicht israelitischen Gottesdiener der Liebe. Chassid, der Fromme, ist der Liebende. Diesen wichtigsten und tiefften *) vgl. mein dem König!. Landgericht zu Marburg erstattetes Gutachten, ״die Nächstenliebe im Talmud" 1888.

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