Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 17)
- Language
- German
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91 Aber von der Anerkennung des Universalismus ist noch ein großer Schritt zur Erkenntniß von der Bedeutung der Messiasidee, als des Grundbegriffs der Weltgeschichte. Die ״Tage des Messias" bedeuten die Zukunft der Weltgeschichte. Und während noch die Genesis den allgemeinen Mythus der Völker enthält, demzufolge das Paradies den Anfang der Schöpfung bildet, widersetzen sich die Propheten diesem Zukunftsbegriff aller uns bekannten Völker, indem sie die Zukunft nicht in die Vergangenheit zurückverlegen, sondern das Ende der Tage als einen wahrhaften neuen Anfang des Lebens und Daseins der Völker erdenken. In jener Zukunft wird der Uebermuth der Titanen vom Thurmbau zu Babel, der in der Verwirrung der Sprachen die Spaltung der Völker herbeiführte, gesühnt werden nach dem Worte: ״alsdann werde ich den Völkern verwandeln die Sprache zu einer lauteren, Einen" (Zeph. 3,9). Wie Gott einzig ist, wird in dieser neuen Einen Sprache auch sein Name einig sein. So fördert die Zuversicht auf die einheitliche Gotteserkenntniß den Glauben an die Eine Menschheit. Und wie die Völker in ihrer Gesammtheit keinen Gegensatz somit bilden dürfen gegen das gottesdienstliche Israel, mit dem und in dem sie sich vielmehr zur Einen Menschheit vereinigen, so wird auch das Gefühl des Gegensatzes niedergeschlagen, den im Rassengefühl der Menschen die anthropologische Erscheinung des Einzelnen wachruft. ״Und nicht spreche der Sohn der Fremde, der sich an den Herrn anschließt: ausscheiden wird mich der Herr von seinem Volke. Ich will sie bringen zu meinem heiligen Berge und will sie erfreuen in meinem Bethause. Ihre Brandopser und ihre Schlachtopfer sind ein Wohlgefallen auf meinem Altäre. Denn mein Haus, ein Bethaus soll es genannt werden für alle Völker" (Jes. 56,3—7). Hier schließt sich der Fremdling dem Gotte Israels an. Aber die Humanitätsidee für die Zukunft der Weltgeschichte zeitigte unmittelbare politische Früchte. Im Tempel zu Jerusalem wurde bei seiner Ein- Weihung vorausgesetzt, daß ״der Fremdling aus fernem Lande" in ihm beten könne; und es gehört zum Einweihungsgebet des Königs Salomo, daß Gott ״im Himmel" ihn erhöre (1. Kön. 8,41 ff). Und so durfte auch in den historischen