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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 88

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 88 (sequence 15)
Language
German
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89 Geboten ohne solche Erläuterungen eingegraben sind? Auch darf man dem Tauben fluchen, und dem Blinden einen Anstoß legen, wenn er ein Fremder ist? Würde dann der Name des Herrn, deines Gottes, nicht entweiht? Und brauchtest du dich dabei vor deinem Gotte nicht zu scheuen? Alle diese Fragezeichen sind für die moderne wissenschaftliche Exegese nicht vorhanden. Man lese nun aber dasselbe Kapitel weiter. Nach Wiederaufnahme der rein sittlichen Gedanken vom Anfang des Kapitels heißt es (V. 32): ״Vor grauem Haupte sollst du ausstehen, und die Person des Greisen ehren. Und sollst dich scheuen vor deinem Gotte. Ich bin der Herr". Und dann heißt es unmittelbar weiter: ״So ein Fremdling bei dir sich aufhält in eurem Lande, unterdrücket ihn nicht. Wie ein Eingeborner aus Euch, soll euch der Fremdling sein, der sich aufhält bei euch, und liebe ihn wie dich selber. Denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten. Ich bin der Herr, euer Gott" (B. 33, 34). Hier ist also das Gebot der Nächstenliebe ausdrücklich aus den Fremdling ausgedehnt. Auch darauf sei noch hingewiesen — es ist ja leider an diesem Punkte die breiteste Ausführlichkeit nicht überflüssig — daß der Zusatz ״denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten" neben seiner deutlichen Argumentation am Menschen selbst auch noch den Begriff des Fremdlings im Unterschiede von dem des Proselyten bestimmt. Denn in Aegyptenland waren die Israeliten bekanntlich nicht Eines Glaubens mit den Jsisanbetern, und dennoch heißen sie Fremdlinge ihnen gegenüber. Und nach der Gemüthsbeschaffenheit, in der sie damals sich befanden, wo sie von den Aegyptern verabscheut wurden, sollen sie den Fremdling im eigenen Lande behandeln. Und während die Liebe des Nächsten nur Einmal geboten ist, wird die des Fremdlings im Deuteronomium und mit demselben Hinweis auf die eigene Vergangenheit wiederholt. ״Und ihr sollt den Fremdling lieben, denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten" (5. M. 10,19). Es ist garnicht ohne Werth, daß hier ״als dich selbst" fehlt. Hier ist das lieben mit dem Aceusativ construirt. Das bedeutet mehr als Freund sein. Und auf die Gleichheits-Er-

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