Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 11)
- Language
- German
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85 Herzigkeit zur Tugend der Liebe, als einem der Wege Gottes. 3. Die Nächstenliebe. Die Attribute Gottes sind Tugenden, das will sagen: sie sind die Vorschriften für das Verhalten, für den Weg des Menschen. So führt die Liebe Gottes zur Pflicht der Menschenliebe, oder wie sie nach dem biblischen Worte heißt, der Nächstenliebe. Wer oder vielmehr was ist der Nächste? Sicherlich nicht der Blutsgenosse; denn der ist der Bruder. Das deutsche Wort hat lokale Grundbedeutung, und erinnert an den Nachbar, ebenso wie das griechische Wort dafür. Hea bedeutet vielleicht ursprünglich den Waidegenossen. Aber in dieser Grundbedeutung kann sich das Gebot der Nächstenliebe nicht aus ihn beziehen. Denn es ist da beinah ebenso selbstverständlich, wie bei dem Blutsgenossen. Die Pflichten in diesen ursprünglichen wirtschaftlichen Verbandsverhältnissen werden als Rechte bestimmt, wie gegen die Grenz- Verrückung; aber nicht als Liebespflichten. Das Wort, mit dem die Liebespflicht gegen den Nächsten bezeichnet wird, bedeutet zwar eigentlich nicht die Liebe, sondern die Freundschaft. Es wird mit dem Dativ construirt, und muß also übersetzt werden: ״sei Freund Deinem Nächsten". Aber auch die Freundschaft entsteht nicht auf dem Boden der Ackergemeinschast. Wir kennen den Gegenbegriff, der den Begriff des Nächsten zu Wege gebracht hat; wie er glücklicherweise auch noch in der Nachbarschaft der Verse, die das Gebot der Nächstenliebe enthalten, sich behauptet hat. Die Griechen sind bekanntlich nicht zum Begriff des Nächsten gekommen. Und ihre klassische Philosophie, ihre tiefe und mächtige Ethik hat es nicht zur Idee der Menschheit gebracht. In ihrer Sprache ist der Begriff gleichsam naiv geworden, der das anstößigste Widerspiel zum Nächsten bildet. Der Barbar hat sich von ihnen auch auf unsere mangelhafte Humanität vererbt. Aber die Blüthe der Humanität, die wir in ihrer Poesie bewundern und lieben, hätte sich nicht erschließen können, wenn sie es nicht über sich gebracht hätten, den Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren zu mildern und abzuschwächen durch den Verbindungsbegriff des Gast-