Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 10)
- Language
- German
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84 Aber das Bild des Vertrages bei der Ehe mahnt an ein gleich ursprüngliches, wenn nicht noch ursprünglicheres zwischen Gott und Mensch. Der Vertrag wird als Bund gedacht. Gott schließt einen Bund mit Israel. Und die Liebe Gottes wird zur Pflicht der Bundestreue. Auch dadurch wird das Verhältniß zwischen Gott und Mensch unmittelbarer. Sie werden gleichberechtigt. Denn nur als Solche können sie einen Bund schließen. Und der Festigkeit dieses neuen Verhältnisses entspricht ein neuer Begriff der Liebe: die Treue. Es ist, als ob die Liebe allein und für sich unsicher und unzuverlässig wäre׳ als ob sie erst der Bestätigung bedürfte, die sie sicher machen muß und wahrhaft; als ob sie an sich ein Wahn, eine Illusion wäre. Im Hebräischen bedeutet dasselbe Wort Wahrhaftigkeit und Treue (אמת). a Und beide Worte kommen so überaus häufig ver- Kunden vor, daß sie beide Einen Begriff zu bilden scheinen: die Treue der Liebe. ״Liebe und Treue begegnen sich" (Ps. 85,11). Wie Liebe mit Treue durchgängig verbunden ist, so erscheint Liebe auch zusammen mit dem Bunde (5. M. 7,12; Neh. 1,5). Das andere, das ursprünglichere Wort für Liebe, nämlich Erbarmen, steht ebenso durchgängig, wie 01168866. mit Lmeth, so mit dem Worte für Gnade verbunden (רחום וחנק). Chen, Gnade, bedeutet ursprünglich Huld und Anmuth. Der sinnliche Ausdruck des Erbarmens wird durch diese Verbindung ästhetisch vergeistigt. Aber die ästhetische Beseelung bildet nur den Durchgang zu einem wichtigen sittlichen Begriffe. Die Anmuth ist, wie alle Schönheit, unbedingt und grundlos. So ist auch die Liebe Gottes ein freies Geschenk seines Wesens. Sie hat nicht den Werth des Menschen zur Voraussetzung; vielmehr giebt sie dem Menschen seine Würde. Sie ist nicht das Verdienst des Menschen, sondern das Geschenk Gottes. Diese vom Menschen unverdiente Liebe Gottes ist die Gnade. So entsteht die grundsätzliche Verbindung von barmherzig und gnädig. Die Liebe Gottes wird aus dem Begriffe Gottes bestimmt. Das freie Geschenk wird dadurch zugleich zu einer Nothwendigkeit für den Begriff Gottes. So befreit sich in der Gnade die Liebe von der Nothdürft des Affektes. Und so wird der Affekt der Barm-