Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 9)
- Language
- German
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83 einander Brüder. Die Liebe Gottes, als des Vaters, bringt also den Begriff der Gleichheit der Menschen hervor. ״Kinder seid Ihr dem Herrn, eurem Gotte" (5. M. 14,1). So führt der Begriff des Vaters zu den Grundbegriffen der Gleichheit und der Gemeinschaft. Auch im Griechischen ist der Bruder der Blutsgenosse. Das Sinnbild der Geschlechtsliebe hat noch zwei andere Gleichnisse hervorgebracht, welche an der Grenzlinie der Liebe und der Freundschaft liegen. Sie haben in Folge ihres ästhetischen Charakters für das Verhältniß zwischen Gott und Mensch wichtige Bestimmungen zur Folge gehabt. Die Liebe erscheint unter dem Verhältniß der Brautschaft. ״Ich verlobe dich mir auf ewig. Ich verlobe dich mir in Gerechtigkeit und Gericht, und in Liebe und Barmherzigkeit. Ich verlobe dich mir in Treue (Hosea 2,22, f.). ״Ich gedenke dir die Liebe deiner Jugend, die Freundschaft deiner Brautzeit, da du mir nachzogest in die Wüste, in ein unbesätes Land" (Jerem. 2,2). Die Liebe wird zur zartesten, und zur heißen Sehnsucht. Das Verlangen wird gegenseitig zwischen Gott und Israel. Gott dankt für die ihm geschenkte Liebe. So verliert das Verhältniß den Schein äußerlicher Abhängigkeit. Es wird unmittelbar und innerlich; und dies wird ebenso durch den Begriff Gottes, wie durch den Begriff des Menschen gefordert. So fördert das ästhetische Sinnbild den ethischen Begriff. Die Liebe wird zur Grundbedingung im Begriffe Gottes. Endlich hat das Gleichniß der Geschlechtsliebe noch zur Anwendung des Begriffs der Ehe auf Gott geführt. Aber wie die Ehe schon ein Rechtsinstitut ist, so nimmt auch das Gleichniß hier juristischen Charakter an. Die Verstoßung Israels wird als Ehescheidung gedacht. Es ist aber von hoher Schönheit, daß Jesaja mit diesem betrübenden Gleichniß zugleich das tröstliche Bild der Mutter wachruft, als die er selbst bei der Scheidung Israel festhält. ״Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entließ?" (Jes. 50,1). So bleibt der Ehe-Vertrag nicht lediglich ein Rechtsverhältniß; sondern durch das Bild der Mutter mit dem Grundrecht der Mutterliebe, mit dem Tröste verknüpft. Die Liebe Gottes wird der Trost im Leiden der Menschen. 6*