Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 8)
- Language
- German
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82 wird der Liebestrieb unmittelbarer seelisch und geistig. Der sinnliche Genuß selbst wird zum geistigen. Umgang und Mitcheilung werden zum idealen Bedürfnis. Und über die Grenzen und Schranken der Familie und des Stammes hinweg regt sich das Verlangen, die Gemeinschaft und die Gleichheit der Menschen anzuerkennen in der Energie des Gefühls. Freilich bleibt auch hier noch eine Art von sinnlichem Element. Wie in dem Naturtrieb der Familie die Liebe Geschlechtsliebe ist, so ist sie in der Freundschaft ästhetischer Sinn. Die Neigungen wurzeln in den unergründlichen Tiefen des künstlerischen Wohlgefallens. Dennoch ist dadurch und darin die Vergeistigung fortgeschritten. Die Liebe ist in der Freundschaft so innerlich geworden, daß sie alsbald auch für die Geschlechtsliebe in der Ehe selbst zur Bedingung wird. In der hebräischen Sprache steht Ein Wort für Liebe und Freundschaft. So erklärt es sich, was sonst schier Wunder nehmen müßte, daß so früh in unseren heiligen Urkunden die Liebe zum Grundbegriff der Religion, zur umfassenden Eigenschaft Gottes gemacht wurde. Und es läßt sich vielleicht auch in dieser Gottesliebe ein Fortschritt von der Liebe zur Freundschaft Nachweisen. Den Anfang und Ausgang bildet auch hier die Analogie zur Geschlechtsliebe. Das hebräische Wort, welches gewöhnlich mit Erbarmen oder Barmherzigkeit übersetzt wird, stammt von der Wurzel, welche Mutterleib (Rechem) bedeutet. Die Liebe ist also zuerst Mutterliebe; gleichsam das Mutterrecht der Liebe. Rührend ist, wie der Prophet von der Mutterliebe den zartesten, den tiefsten Schutz beidehält, dessen der ritterliche Mann bedürftig bleibt: den Trost. ״Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, also will ich euch trösten" (Jes. 66,13). Von der Mutter wird die Liebe auf den Vater übertragen. Und damit tritt zur Pflege und Er- Haltung die Pflicht der Erziehung hinzu. ״Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr derer, die ihn ehrfürchten" (Ps. 103,13). Indem aber der Begriff Gottes, als des Vaters, entsteht, so wird dadurch erst der Begriff der Kinder, als der einer Familie, gegründet. Der Vater ist der Vater der Familie. Demzufolge sind nicht allein die Menschen seine Kinder; sondern sie werden unter-