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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 79

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 79 (sequence 6)
Language
German
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80 So klärt sich aus dem Talmud selbst das Räthsel auf, wie er ausschließlich diese Offenbarung, als die der göttlichen Eigenschaften und somit des göttlichen Wesens, für das Gebet festsetzen konnte. In der That ist diese Offenbarung der am Sinai vergleichbar. Sie geschah, nachdem Mose die zwei neuen Gesetzestafeln geschrieben, und mit ihnen auf den Berg Sinai gestiegen war. So erscheinen die dreizehn Eigenschaften als die Erläuterung der Zehn Gebote. Und wie die Eigenschaften in der Sittlichkeit das Wesen Gottes bestimmen, so wird auch die Sittlichkeit zum Inbegriff der Zehn Gebote. Maimonides bringt daher in einer auffälligen Deutung nur diese Tendenz des Talmud zu consequenter Durchführung, indem er «ונקה לא עקד nicht übersetzt: er läßt nicht ungestraft, sondern: er verwüstet nicht vollständig; indem er sich dabei aus Jesaja (3,26) beruft. Auch diese einzige Eigenschaft der Strafe beziehe sich lediglich auf den Götzendiener; denn nur dieser werde als Hasser Gottes bezeichnet. In den Zehn Geboten aber werde bei der Ahndung der Vergehen der Väter an den Kindern die Einschränkung gemacht: ״wenn sie mich hassen". Aber selbst die Nachkommen dieser eigentlichen Hasier werden nicht gänzlich vertilgt. So reihet sich diese einzige Handlung der strafenden Gerechtigkeit an die Eigenschaften an, die nur Liebe und lauter Liebe besagen. Maimonides beachtet, wie auch schon die Anderen vor ihm, daß es sich bei diesen Eigenschaftender Liebe um Affekte handelt, die auf Gott nicht angewendet werden dürfen, da sie Unvollkommenheiten der Seele und Uebel bedeuten. Und es wird ihm nicht schwer, die Liebe bei Gott nicht im Affekt entspringen zu lassen, sondern in seinen sittlichen Wegen für das Heil der Menschen. Er macht somit die Eigenschaften aus Affekten zu Tugenden; und er stellt Gott in ihnen als das Vorbild auf für den irdischen Herrscher und den Staatsmann. Er bestimmt dieses Ideal nach dem Musterbild der Stoa, indem er dem Staatsmann die Freiheit von Affekten, die Affektlosigkeit zur Pflicht macht. So genau erkennt er die ethische Bedenklichkeit in den Atttibuten wegen chrer Aehnlichkeit mit den Affekten. Ein tiefsinniges Wort, welches in jenen Jahrhunderten bei mehreren Denkern sich findet, also als ein skeptisches Schlagwort umgegangen zu sein scheint.

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