Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 5)
- Language
- German
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79 Lichte besehen, sind sie vielmehr nur eine oder höchstens zwei. Giebt es keine anderen und keine wichtigeren, oder mindestens ebenso wichtigen? Wo bleibt die Einheit, die doch den Grund des Glaubens bildet? Und die Allmacht? Und die Allwissenheit? Von diesen allen kann man bei jenen dreizehn nur in dem doppelt wiederholten Gottesnamen eine latente Spur finden. Alle diese wichtigen Eigenschaften haben sich in den Einen Begriff der Liebe unter dreizehn Namen zusammengezogen. Die Weisheit Gottes ist der Liebe gewichen. Die theoretische Erkenntniß ist gegen die Ethik zurückgetreten. Bei der Einsetzung dieser dreizehn Eigenschaften für das Gebet, wie sie im Talmud (B׳osch baschana 17b) vorliegt, ist auch schon der ethische Grund unverkennbar: ״Und der Ewige ging vorüber vor ihm und rief" (2. B. M. 34,6). ״R. Jochanan sagte: stände es nicht geschrieben, es wäre nicht auszusprechen. Der Heilige, gelobt sei er, verhüllt sich, wie der Bote der Gemeinde, und zeigt dem Mose die Ordnung des Gebetes. Solange Israel sündigt, sollen sie vor mir nach dieser Ordnung thun, und ich will ihnen vergeben. Ewiger, Ewiger: ich bin es, bevor der Mensch sündigt, und ich bin es, nachdem der Mensch gesündigt und erBußethut". So scheint es, als ob die Sünde von der göttlichen Liebe auf sich genommen wird; nicht nur nachher infolge der Buße, sondern vorher selbst: die Liebe will für die Sünde mit verantwortlich sein. Der Talmud fährt fort: ״Gott, barmherzig und gnädig. R. Jehuda sagt: ein Bund ist geschlossen für die dreizehn Eigenschäften, daß sie nicht wirkungslos bleiben." Und so werden nach dieser deutlichen Weisung von den Commentatoren die dreizehn Eigenschaften zusammengerechnet, indem die beiden Gottesnamen selbst für zwei genommen werden. Die zwei Worte, welche im Deutschen in ״langmüthig" zusammengezogen werden, werden auch für zwei Eigenschaften genommen, weil die Langmuth sich auf die Guten und auf die Bösen beziehe. Und ebenso wird die Verdoppelung der Negation in ״ ונקה לא ינקהer läßt nicht ungestraft" als zwei Eigenschaften aufgefaßt, indem das erste Wort positiv verstanden wird: als reinigend, unschuldig machend, nämlich bezogen auf die Reuigen.