Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 2)
- Language
- German
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76 Glauben ein. Selbst solche Denker, welche den Glaubens- Inhalt der Offenbarung möglichst unabhängig zu halten suchten von der philosophirenden Vernunft, wurden doch schon durch das Schristwort in dieser Souveränität beirrt, welches ihnen vorschreibt: ״Du sollst erkennen, daß der Ewige Gott ist". Und so kann auch die Schrift, die ״nach der Sprache der Menschen" redet, nicht vermeiden, Gott Eigenschaften zuzuschreiben und sein Wesen durch Attribute zu bestimmen. Also die Schrift selbst führt die Collision zwischen Glauben und Wissen herbei. Und wenn die Erkenntniß von dem Wesen, weil von den Attributen Gottes, unzulänglich bleibt, so wird zugleich damit der Glaube in seiner Wahrheit getroffen, der nicht minder für die Pflicht der Erkenntniß Gottes unter dem Nothstand der Attribute leidet. Schon im Talmud läßt sich diese Verlegenheit erkennen bei der Feststellung der Gebete. ״In Gegenwart Rabbi Chanina's betete einst Jemand die Worte: O Gott, Großer, Mächtiger, Furchtbarer, Erhabener" u. s. w. Da sprach R. Chanina zu ihm: ״Hast Du nun erschöpft den Preis Deines Herrn?" Und er beschränkt das Recht, die Eigenschäften Gottes im Gebete anzurufen, auf die ausdrückliche Anführung derselben in der Schrift (Berach. 33, b). Die Frage dieser Beschränkung ist zwar später noch eine strittige, aber der Konflikt wird nicht überwunden. Wir besitzen ein schönes Werk, von dem der begeisterten Pflege unseres religiösen Schriftthums leider so ftüh entrissenen David Kaufmann über die ״Geschichte der Attributenlehre von Saadja bis Maimuni" (1877). Dieser Widerstreit von Glauben und Wissen ist der treibende Gedanke der gesummten Religionsphilosophie unseres Mittelalters. Und schon Saadja (933) hat nicht verfehlt, die christliche Glaubenslehre der Trinität einer scharfen Kritik von diesem Problem aus zu unterziehen. Entscheidend, und man darf wohl sagen entschieden, wird die Streitfrage bei Maimonides. Sein More Nebochim (Führer der Verirrten) läßt nur negative Attribute von Gott zu. Bezeichnend für seinen Standpunkt. ist seine Beziehung auf den Psalmvers (65,2) ״Dir ist Schweigen Ruhm". Er unterscheidet die ״Attribute des Wesens" und die ״Attribute der Wirkungen", und erkennt nur die letzteren als zulässig