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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 71

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter
Date
1900-01-01
Page
Seite 71 (sequence 12)
Language
German
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72 beizustehen", „Tote zu begraben", „die Braut zu begleiten", dergleichen gehört zu jenen den religiösen Pflichten gleichgestellten Gutthaten. Ein oder zwei Beispiele mögen die besondere Sorgfalt beleuchten, mit welcher diese Vorschriften in Anwendung gebracht werden, und das edle Motiv, das sie möglichst zu vergeistigen sucht. Vom Krankenbesuch spricht der Talmud mit einer Art Ehrfurcht. Gottes Geist, sagt er, wohnt in den Räumen des Leidens und des Todes, und die daselbst geübte Pflege ist Gottesdienst. Die Pflege mußte eine freiwillige sein, für Medikamente durfte feine Rechnung gemacht werden, und die Gewohnheit, dem Hilflosen zu helfen in diesem wahrhafthumanen Geiste wurzelte so tief bei den Juden, daß bis aus den heutigen Tag, besonders in Provinzialstädten, der letzte Dienst dem Sterbenden selten von bezahlten Händen geleistet wird. „Das Begleiten der Braut" ist G-emiluthchesed in anderer Form. „Sich mit seines Nächsten Freude zu freuen" ist in diesem nicht a la Rochefoucauld abgefaßten Codex keine geringere Pflicht als dessen Kummer zu theilen. Eine Braut muß mit Gesang und Blumen und angenehmen Reden begrüßt und, wenn sie arm ist, mit hübschem Schmuck und substantiellen Gaben beschenkt werden. Bor allem aber und in jedem Falle sind die angenehmen Anreden pflichtmäßig. In der umständlichen Erörterung, welche ein so hervortretender Zug dieser talmudischen Vorschriften ist, wird gefragt: „Aber wenn die Braut alt oder häßlich und ungeschickt ist, oder einfältig, soll man sie auch mit der gebräuchlichen Formel als „schöne Braut, anmuthige Braut", begrüßen? „Ja", lautet die Antwort; denn Niemand ist verpflichtet, unangenehme Thatsachen festzuhalten, noch die Wahrheit aufzudrängeln; angenehm zu sein ist eine der wenn auch geringeren Tugenden. Wenn etwas Wahres in der Lehre von der Seelenwanderung läge, so fühlte man sich versucht, anzunehmen, daß jener alte ungenannte Rabbi noch einmal in der Person eines unsrer modernen Dichter*) spreche: ') William Blake.

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