Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 13)
- Language
- German
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73 „Eine Wahrheit, die zu bösem Zwecke nur wird vorgebracht, Stellt in Schatten alle Lügen, Die man je hat ausgedacht." Die Wohlthat der Höflichkeit wird überall verlangt und so nachdrücklich betont, daß man sich gedrungen fühlt, von jenen oft in Lumpen gekleideten und ungekämmten Rabbinen anzünehmen, Höflichkeit, 1a politesse du coeur, sei ihr Judenthum eu papillote gewesen. „Empfange jeden mit fteundlichem Gesicht" sagt ein Weiser. „Wo keine Ehrfurcht ist, da ist auch keine Weisheit", spricht ein anderer, und ein dritter stempelt zum Tölpel denjenigen, der dem andern unartig (rudely) in die Rede fällt und in seiner eignen sich mehr vorschnell als sorgfältig und rücksichtsvoll zeigt. Als ein Postskriptum zu dem „Gesetz", welches auf so erfreuliche, gesellschaftliche Formen der Wohlthätigkeit dringt, möchten wir hier einen Grabstein sein seltsames Zeugniß abgeben lassen. Zu Prag, im „Hause des Lebens", wie die Juden ihren Begräbnißplatz nennen, stand — steht vielleicht noch — ein Grabstein, auf dem die Tugenden einer reichen im I. 1628 verstorbenen Dame gerühmt werden, zu deren Andenken er errichtet wurde. Ihre zahlreichen Wohlthaten sind ausführlich dargestellt und unter andern, vor dem Satze „sie kleidete die Nackten" steht: „sie eilte gleich einem Vogel zu Hochzeiten". Durch den Nebel jener schrecklichen Geschichten, welche Prag zu einer so traurigen Erinnerung für die Juden gemacht haben, leuchtet das Andenken jener lang Verblichenen gleich einem Regenbogen. Man glaubt die strahlende kleine Gestalt zu sehen, etwas eilig vielleicht, außer Atem, das geputzte Gewand vielleicht etwas zerknittert, „wie einen Vogel zu Hochzeiten fliegend". Sie scheint, die fteundliche teilnehmende Frau, wie eine Illustration zu dem Wohlthätigseitssystem ihres Stammes uns anzudeuten, daß, wie verschieden auch Zeit, Ort und Umstände sein mögen, die eine wesentliche Bedingung für jede Wohlthätigkeit, soll sie sich wirksam erweisen, unverändert bleibt, daß die Lösung des