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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 69

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter
Date
1900-01-01
Page
Seite 69 (sequence 10)
Language
German
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70 zeiten", so spricht das Gesetz, „der nehme nicht aus der Schüssel; wer genug hat für vierzehn, der nehme nicht aus dem Korbe". Doch durfte man vermögende Leute in bedrängten Zeiten, um sie vor Verlusten zu bewahren, aus dem Zehnt der Armen unterstützen, bis die Zeiten besser wurden. Besaß der Hilfsbedürftige ein großes Eigenthum, Haus oder Waaren, so mochte man chn in dieser zeitweiligen Nothlage mit Geld aushelfen; alles fiir seine Person Nöchige sollte er behalten, dagegen überflüssige Sachen verkaufen und sie, wenn überhaupt, durch einfachere ersetzen. Doch trotz dieser außerordentlichen Sorgfalt für diejenigen, die in der Welt Schiffbruch erlitten, und trotz des Ausspruchs: „Wer Almosen versagt, ist gottlos und dem Götzendiener gleich", — geben die genauen und weitschweifigen Regeln keinerlei Ermuthigung, sich darauf zu verlassen. Es heißt vielmehr: „Betrachte Deinen Sabbath wie einen gewöhnlichen Tag, ehe Du Dich von Deinen Mitbrüdern abhängig machst". Es ist ausdrücklich geschrieben und gesagt, wie weise Männer, die angesehensten der Gemeinde, ohne ihres Standes, ihres Ansehens verlustig zu gehen, Holzträger, Metallarbeiter und dergl. werden möchten, um nicht von Andern abhängig zu werden. Andrerseits ist nirgendwo Verachtung des Reichthums oder Liebe zur Armuth um ihrer selbst willen zu bemerken bei dem Volke, welchem gelehrt wurde, „sich vor dem Ewigen zu freuen"*). An einer Stelle wird zwar ernstlich gewarnt: „Wer die Zahl seiner Diener vermehrt, vermehrt die Zahl der Sünden in der Welt"; aber dieser etwas asketisch klingende Passus wird mit gesundem Menschenverstände wohl richtig ausgelegt werden**), und wenn ein andrer Lehrer uns sagt: „Wohlthätigkeit ist das Salz, welches Reichthum vor dem Verderben bewahrt", so wird man vielleicht einen Gedanken über rechte Erhaltung des Wohlstandes zwischen den Zeilen lesen. *) Freuet Euch vor dem Ewigen, Eurem Gotte, Lev. 23,40; Deut. 12,12 u. 18, 16,11. **) Dieser Satz erklärt sich einfacher aus den Sprüchen der Väter 2,7: „Wer die Diener mehrt, mehrt den Raub".

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