Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 7)
- Language
- German
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67 durch Geschenk oder Darlehn hilft, oder durch rechtzeitiges Verschaffen von Beschäftigung; dann geht es weiter, von Einem zum Andern abstufend, bis zum achten und letzten, nämlich demjenigen, der erst nach vielem Bitten giebt. Aber auch hoch im Range stehen jene ״stillen" Geber, welche die armen Kinder redlicher Eltern nicht wissen lassen, von wem sie unterstützt werden, und selbst der Mann, welcher „weniger giebt als seine Mittel gestatten" ist um einen Grad höher gestellt, wenn er „mit steundlichem Gesichte" giebt. Dieser Modus der Hilfe änderte sich mit den Verhältnissen. Die Zeit kam, wo für die „Hagars und Jsmaels" der Menschheit Regeln für das Einsammeln und für „abgefallne Weintrauben" bedeutungslos wurden; neue Mittel für die Ausübung der Zedaka mußten ersonnen werden. Da wurde in den Almosen des Korbes (Kupa) und den Almosen der Schüssel (Tamcimi) ein anderes erschöpfendes System der Unterstützung ausgebildet. Die Kupa dürfte eine Armensteuer gewesen sein, erhoben von allen Einwohnern einer Stadt, welche über dreißig Tage darin weilten. „Niemals", sagt Maimonides, „sahen oder hörten wir, daß es in einer israelitischen Gemeinde keinen Korb für Almosen gegeben habe, wenn auch die Sitte der Schüssel an manchen Orten nicht bestand". Diese Körbe stellte man in dem stillen Hof des Tempels auf, damit gewisse Geber, welche die Sünde fürchteten*), ihre Gabe schweigend niederlegen konnten, ftei von der Verantwortung. Der Inhalt der Körbe wurde wöchentlich gesammelt und für alle gewöhnlichen Gegenstände der Unterstützung verwendet, der Rest besondern Fällen und besondern Zwecken vorbehalten. Einer dieser Zwecke, was unsern modernen Begriffen allerdings etwas sonderbar scheint, war auch der, arme Leute so zu versorgen, daß sie heirathen konnten. Denn es ist nicht nur für den „in Armuth aufgewachsenen Nächsten" befohlen: „Wenn er Kleider braucht, möge er gekleidet, oder wenn er Hausgeräthe braucht, damit *) יראי חטא (jeree chet). Diese überempfindsarnen Leute scheinen gefürchtet zu haben, sie könnten bei direkter Unterstützung getäuscht und so indirekt zu Helfern des Unrechts werden, oder aber durch Nachfragen die Gefühle der Armen unnöthigerweise verletzen. 5*