Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wohlthätigkeit im talmudischen Zeitalter
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 3)
- Language
- German
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63 Aber der Ethik des Talmuds, für sich als ein Ganzes betrachtet, gebührt ein hoher Platz, und in einem Punkte herrscht eine so bemerkenswerthe und völlige Uebereinstimmung, daß man hier mit Fug von dem sprechen kann, ״was der Talmud sagt", indem man damit eine allseitig anerkannte Ansicht, und nicht die persönliche dieses oder jenes Rabbi meint. Der Gegenstand, in Bezug auf welchen diese ungewöhnliche Harmonie vorherrscht, ist die in unsrer Zeit vielfach erörterte Wohlthätigkeit, und es dürfte nicht ohne Interesse sein, etwas von der Behandlung derselben im Alterthum herauszufinden. Das Wort, welches in jenen ehrwürdigen Folianten die Sache ausdrücken soll, ist an sich bezeichnend. In der hebräischen Bibel findet unser Wort „Wohlthätigkeit" (charity), obgleich die Vorschriften für ihre Ausübung gar mannigfaltige sind, kaum einen gleichwerthigen Ausdruck. Die Septuaginta übersetzt an nur acht Stellen, und nicht einmal in modernem Sinne, Zedaka in das entsprechende griechische sXs welches unser Almosen oder Wohlthätigkeit wäre. Die nächsten Synonyme in der Bibel sind: Zedaka, wofür in der englischen autorisirten Uebersetzung righteousness (Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit) und Chesed, wofür dort merey, kindness, love (Erbarmen, Freundlichkeit, Liebe) gut wiedergegeben ist. Der Talmud in seiner erschöpfenden Weise, scheint den wesentlichen Unterschied zwischen diesen beiden Wörtern hervorzuheben. Zedaka drückt bis zu einem gewissen Grade eine Unterscheidung der Klassen aus. Die Rechte der Armen veranlassen die Rechtschaffenheit der Reichen, und die Pflichten der Zedaka finden steten und weiten Ausdruck in einem genauen System der Zehnten und Almosen*). Die sich auf die Armen beziehenden Vorschriften des Pentateuchs sind nun im Talmud zu einer Anleitung, die bis ins Kleinste hinabsteigt, ausgearbeitet. Das levitische Gesetz: „Und wenn ihr erntet in eurem Lande, so sollst du nicht ganz abernten *) Maimonides gebraucht in seiner bekannten Bearbeitung der die Armen betreffenden talmudischen Gesetze durchweg Zedaka im Sinne von „Almosen".