Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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23 in seinem grundlegenden Essay über die jüdische Lilteratur damals als Hinderniß einer gedeihlichen Entwickelung anführte, auch jetzt, nach mehr als einem halben Jahrhundert als ein solches betrachten. Auch heute noch sind die meisten Herausgeber und Autoren Selbstverleger, wenn auch Gott sei Dank nicht mehr wandernde wie damals; auch heute noch liegt, obwohl viele tüchtige Buchhändler vorhanden sind, der jüdische Buchhandel selbst im Argen. Die Universität verschließt sich im Großen und Ganzen auch heute unserer Wissenschaft, die noch immer keine unabhängige Vertreter zählt, weil ihr nicht die Möglichkeit gegeben ist, solche auf den rechten Platz zu stellen. Mit einem Wort, heute wie damals fehlt der jüdischen Litteratur jede Anerkennung, jedes Institut nach allen Seiten hin und doch verlangt man bereits von vielen Seiten her reife Früchte, von deren Saat man nichts wissen will. In diesen schmerzlichen Seufzer klingt Steinschneiders Essay aus, aber der Trost, den er den Freunden giebt, gilt auch für uns: „Die Selbstverleugnung und Ausdauer der wenigen an Willen und Kraft Tüchtigen wäre unbegreiflich, wenn sich nicht dieselben Erscheinungen dem einsichtigen Betrachter im ganzen Schicksale des Judenthums darböten'" Sind wir also mit dem greisen Nestor unserer Wissenschaft hinsichtlich der Thatsache selbst völlig einig, so trennen sich unsere Wege da, wo es gilt an die Beseitigung jener Hindernisse heranzugehen, welche sich einer gedeihlichen Entwickelung der jüdischen Litteratur hemmend gegenüberstellen. Als das Haupthinderniß erscheint uns der Mangel eines Publikums für Werke der jüdischen Litteratur. Um nun dieses Hinderniß zu beseitigen, muß ein solches Publikum erzogen und herangebildet werden. Das kann aber nur durch die Litteraturvereine geschehen. Wir wissen sehr wohl die Bedenken zu würdigen, die von fachwissenschaftlicher Seite gegen die Popularisirung unserer Wissenschaft gehegt werden, aber sie treten zurück gegenüber der eisernen Nothwendigkeit, weiteren Kreisen das Verständniß für diese Litteratur überhaupt erst zu erschließen. Ohne Publikum keine Bücher und keine Autoren, das ist ein fester Schluß. Wenn in unseren Litteraturvereinen durch jahrelange unermüdliche Arbeit eine Generation, die bisher keine Ahnung von diesen Dingen ge-