Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5659
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 13)
- Language
- German
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17 hoben werden. Wahrlich, man kann auf dieses vieltausendjährige Banner schreiben: Fluctuat nee mergitur, „die Fluchen treiben es, aber es sinkt nicht unter". Wir bedürfen solcher trostreichen Betrachtung, wenn wir unfern Blick auf die unglückliche Lage wenden, in der unsere Glaubensgenossen in dem jüngsten der romanischen Staaten Europas, in Rumänien, schmachten. Die schändliche Verhöhnung des von ganz Europa sanktionierten Berliner Friedens von 1878, der ausdrücklich für dieses Land die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse anordnete, dauert fort, indem man die dortigen Juden einfach für „Fremde" .erklärt und nicht allein ausschließt, sondern auch in jeder Weise verfolgt. Da der frühere Ministerpräsident Cogalniceanu als Oppositionsmann wiederholt für die Rechte der Juden eingetreten war, hatten diese auf seine Verwaltung einige Hoffnung gesetzt. Sie wurden grausam getäuscht, da am 28. Mai 1899 in Jassy unter geheimer Begünstigung der Regierung, gegen die Israeliten Pöbelexzesse der schlimmsten Art in Scene gesetzt wurden. Der Abscheu, den diese schmachvollen Umtriebe in ganz Europa hervorriesen, hat allerdings die rumänische Regierung zu größerer Vorsicht und zu wohltönenden Versicherungen veranlaßt, denen leider niemand Glauben schenken kann und mag. In dem großen Zarenreiche Rußland dauert die Unsicherheit der Zustände für die Millionen unserer Glaubensbrüder fort. Es ist wahrscheinlich, daß der edeldenkende Zar Nikolaus H. auch ihnen gegenüber jede Härte und Grausamkeit vermieden sehen möchte. Er hat aber hier, wie in so vielen Dingen, nicht die Kraft, die Gegenbestrebungen seiner hohen Beamten aus der Schule des fanatischen Alexander III. niederzuhalten: sie sind stärker als der Herrscher. Auch dauern im Volke die Nachwirkungen des von der früheren Regierung absichtlich geförderten Judenhasses noch an. Bei Gelegenheit des russischen Osterfestes fanden in Nikolajew Unruhen und Plünderungen statt, bei denen ein Jude getödtet, zwanzig verwundet, wurden, und die das Militär in einer förmlichen Schlacht unterdrücken mußte. Ebenso wurden in mehreren jüdischen Ackerbaukolonien Südrußlands Exzesse ins Werk gesetzt, die für die fleißigen jüdi-